1. Weihnachtstag

1. Weihnachtstag
Predigttext: Titus 3,4-7

Wenn ein Text mit den Worten "Aber dann ..." beginnt, will er auf einen Wendepunkt hinweisen: die Zeit davor und die Zeit danach. Zuerst ein Rückblick in die Vergangenheit. Über lange Zeit oder eigentlich immer schon, so weit man denken kann, war es so ... "Aber dann" kam der große Umschwung, die Wende, die Revolution. Nun ist nichts mehr, wie es einmal war. Die Grundlagen sind erschüttert. Man traut seinen Augen nicht mehr. Man muss völlig umdenken.
Von solch revolutionären Veränderungen hat es in der Weltgeschichte mehrere gegeben, z. B. als die Menschen erfuhren, dass unsere Erde nicht der Mittelpunkt des Weltalls ist, sondern nur ein winzig kleines Teilchen am Rande des Universums, oder als sie hörten, dass sie nicht die Krone der Schöpfung darstellen, sondern sich zum Menschen aus dem Tierreich heraus entwickelt haben, oder als sie begriffen, dass sie selbst nicht unbedingt Herr im eigenen Hause sind, sondern dass es neben ihrem Ich noch ein Unbewusstes und Unterbewusstes gibt, das sie mehr treibt, als es ihnen lieb ist.
Auf so eine Erschütterung fest gefügter Meinungen zielt auch der Schreiber des Titusbriefes ab, wenn er den Menschen zunächst in seiner ganzen Erbärmlichkeit vor dem entscheidenden Wendepunkt beschreibt, wobei er sich durchaus mit einschließt. Wir Menschen, so sagt er, reden schlecht über andere, streiten uns, sind nicht friedfertig und freundlich zu allen Menschen, sind unverständig und ungehorsam, gehen in die Irre, werden von allen möglichen Wünschen und Leidenschaften beherrscht, leben in Bosheit und Neid und hassen uns selbst und andere. Insgesamt ein niederschmetterndes Bild, bis auf eine Ausnahme, wo wir dem Schreiber wohl nicht so ganz zustimmen würden. Er tadelt nämlich den Ungehorsam gegen die Regierung und die Behörden, während wir uns heute eher wünschen, dass die Bürger etwas weniger gehorsam und ehrfürchtig gegenüber den Entscheidungen der Regierung wären. Dennoch, im Großen und Ganzen hat der Schreiber Recht: Wir sehen ein Bild des Grauens angesichts menschlicher Unzulänglichkeiten und Bosheiten.
Das Überraschende ist nun, dass der Schreiber all dies in die Vergangenheit verlegt. Er sagt also nicht: "So sind wir", sondern: "So waren wir", früher, vor etlichen Jahren, eigentlich immer schon vor diesem entscheidenden Wendepunkt. "Aber dann ...!" Dann geschah etwas, was uns gerettet hat. Dann kam die Lösung, die Loslösung von allem Verkehrten. Dann kam die Weihnacht und mit ihr Jesus Christus als Zeichen der Freundlichkeit und Liebe Gottes. In der Finsternis der Welt und der Menschen schien ein strahlendes Licht. Ein einmaliges Ereignis, in der Tat. Im Rückblick erinnert sich der Schreiber an diesen historischen Augenblick. Jesus begegnete den Menschen mit Freundlichkeit und Friedfertigkeit so wie der Vater dem verlorenen Sohn. Er verkündete das Reich der grenzenlosen Güte und der bedingungslosen Gnade gerade für diejenigen, die alle Welt hasste. Er predigte die frohe Botschaft, dass Gott die Menschen bedingungslos liebt.
Das allein aber wäre noch nicht die Rettung, wenn sich in einer Welt des Hasses plötzlich nur bei einem einzelnen Menschen die Liebe in besonderem Maße zeigte. Nein, unser Briefschreiber sieht die Wende in einem viel größeren Ausmaß. Wie ein Stein ins Wasser fällt und nun das Wasser wellenförmig bewegt, hat auch Jesus Wellen geschlagen bis in unsere Gegenwart. Er kam als wahrer Mensch in diese Zeit und hat die Menschen verändert, sie zu neuen Menschen gemacht. "Gott hatte Erbarmen mit uns und hat uns errettet. Durch das Wasser der Taufe hat der heilige Geist uns noch einmal geboren und uns zu neuen Menschen gemacht."
Und das soll Wirklichkeit sein? Schön wäre es ja. Aber selbst zu Weihnachten sieht die Welt anders aus. Wenn in kriegerischen Auseinandersetzungen für ein paar Stunden die Waffen schweigen, so geht der Kleinkrieg in den Familien erst richtig los. Weihnachten ist eine gefährliche Zeit. Wenn die Menschen auf engem Raum zusammenkommen, wenn sie durch einen geheimen Zwang dazu verurteilt sind, für ein paar Tage mit den lieben Verwandten auszukommen, brechen die alten Vorurteile und Rivalitäten erst recht aus, viel häufiger und heftiger, als wenn man sich, wie sonst üblich und möglich, aus dem Wege geht. Zeigt unser Schreiber da nicht einen zu großen Optimismus? Ist er nicht geradezu blind, wenn er behauptet: "Wir können vor Gott bestehen"?
Jesus Christus ist zu Weihnachten geboren. Er ist das Bild eines Menschen, wie er Gott gefällt, vertrauensvoll zum Vater, geborgen in einem Gefühl der Liebe, unbedingt in seiner Sorglosigkeit gegenüber dem Leben. Dieser Jesus ist ein Geschenk, das uns allen zeigt, wie der neue Mensch gemeint ist, wie ihn sich Gott immer schon gedacht hat. Was im Predigttext wie eine feststellbare, schon geschehene Wandlung erscheint, ist wohl gesprochen aus der gläubigen Gewissheit: So könnte es werden, so kann es werden, so wird es sein, so ist es schon. Der Mensch kann neu werden.
Die Kraft, die das vermag, ist der heilige Geist. Jesus hat sich seit seiner Taufe im Besitz dieses Geistes gewusst. Mit seiner Hilfe treibt er böse Geister aus, heilt Menschen, vergibt ihnen ihre Sünden. Im Neuen Testament ist noch von so manchen Auswirkungen des Geistes die Rede: Einige Menschen können prophetisch in die Zukunft sehen und verborgene Gedanken offen legen, andere in Zungen reden und Wunder tun. Aber auch all tägliche Verrichtungen können Ausweis des Geistes sein: lehren, ermahnen, barmherzig sein, ja auch Jesus Christus als den Herrn bekennen und für sich anerkennen.
Im Blick auf Jesus, der uns zu Weihnachten als Kind erscheint, sollte uns klar werden: Wie ein Neugeborenes können wir es noch einmal versuchen, den alten Adam und die alte Eva abzustreifen. Gott gibt uns diese Chance, er rechnet uns die Vergangenheit nicht zu. Als Freigänger, die eigentlich hinter geschlossenen Türen verwahrt werden müssten, können wir es wagen, ins freie Leben zu treten. Wir sind begnadigt, obwohl wir selbst nichts getan haben, worauf wir uns berufen könnten.
Genau dasselbe geschieht in der Taufe. Ohne dass wir gefragt werden, ohne unsere Zustimmung erhalten wir ein Geschenk, Gottes Zusage: Fürchte dich nicht, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. So ist das mit einem, der geliebt wird. Er fühlt sich wie erneuert, gestärkt in seinem Selbstwertgefühl und kann deshalb voll Zuversicht in die Zukunft blicken. Man kann in die Klage über die Schlechtigkeit der Welt mit einstimmen, und man kann in billigen Optimismus verfallen: Es wird schon werden. Vor beiden Fehlern will uns der Briefschreiber bewahren. Er will uns in seine Freude und Zuversicht mit einschließen, aber er erwartet auch, dass wir uns als neue Menschen auf den Weg machen, wohin der Geist Gottes uns treibt.
Arnim Juhre, ein Dichter der Nachkriegszeit, hat die Ablösung des Furcht erregenden Stillstandes durch eine neue Beweglichkeit so aus gedrückt:
Es begab sich aber zu der Zeit, da die Bibel ein Bestseller war, übersetzt in 197 Sprachen, und das Neue Testament noch 60-mal-60-mal mehr, dass alle Welt sich fürchtete vor selbst gemachten Katastrophen, Inflationen, Kriegen, Ideologien, radioaktiven Regenwolken und Raumschiff Flottillen, die spurlos verglühten. Als die Menschenmenge auf dem Weg war, ungeheuer sich vermehrend, hinter sich die Vernichtungslager der Vergangenheit, vor sich die Feueröfen des Fortschritts, und alle Welt täglich geschätzt und gewogen wurde, ob das atomare Gleichgewicht stimme, hörte man sagen: "Lasst uns gehen nach Bethlehem!

 

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