Acher Bote

Ein Abend für den Dichterfürsten
“Goethe lebt” quicklebendig im Scherzheimer Hoftheater
Die “Redwiners” umrahmten musikalisch das Programm

Lichtenau-Scherzheim (sw). “Goethe lebt”, sagte Rezitator Jürgen Schwarz, als er beim Goethe-Abend im Hoftheater Scherzheim das Interview mit dem Dichterfürsten ankündigte. Und tatsächlich: “Goethe lebt” hätte durchaus das Motto des Abends sein können, auch wenn der Meister beim Interview durch Frohmut Menze vertreten wurde. Denn alle, die mit Goethe nur düstere Erinnerungen aus der Schulzeit verbinden, wurden eines besseren belehrt. An diesem Abend wurde bewiesen, dass Goethes Werke keineswegs trocken und verstaubt, sondern quicklebendig sind.
Anlass des Goethe-Abends war die Präsentation eines neuen Werkes aus dem AOL-Verlag: “Goethe kennen lernen - sein Leben, seine Frauen, seine Werke”. Der Band soll Schülern und natürlich auch interessierten Erwachsenen einen schnellen und unterhaltsamen Zugriff auf Werk und Leben des Dichters ermöglichen, der in diesem Jahr seinen 250. Geburtstag gefeiert hätte. Autor Jürgen Schwarz, Deutschlehrer aus Kassel, hatte sich bereit erklärt, sein Werk im Rahmen eines Goethe-Abends selbst vorzustellen. Und mit dem zauberhaften Hoftheater in Scherzheim wurde eine würdige Kulisse gefunden.
Zu Beginn des Abends trugen einige Mitglieder des Scherzheimer Phantomchors unter der Leitung von Elke Haag das Lied “Die alte Kartenlegerin” vor, ein Dank an Elmer Bantz, von dem der Text des Liedes stammt. Als Programmauftakt brachten die “Redwiners” (Elke Haag, Traudel Wahl, Wolfgang Haag, Karl-Friedrich Wahl) Goethe ein Geburtstagsständchen “Happy birthday to you”. Das alles vor einer futuristisch anmutenden Goethe-Büste mit rot und grün blinkenden Augen, die von Schülern von Jürgen Schwarz gestaltet worden war.
Jürgen Schwarz trug dann die Ballade “Der Sänger” vor und glaubte alle Zutaten der Ballade auch im Hoftheater zu erkennen - vom Hof mit König (Frohmut Menze) bis zu Raubrittern (anwesende Vertreter der Finanzbehörden) und Politrittern (Bürgermeister und Landrat) sowie Rittern von der traurigen Gestalt (Lehrer und Pfarrer).
Frohmut Menze sagte bei der Begrüßung, viele Menschen hätten aus der Schulzeit noch negative Erinnerungen an Goethe. Man habe deshalb das Goethejahr zum Anlass nehmen wollen, sich dem Dichter wieder neu zu nähern. Menze stellte alle Zuschauer persönlich vor und legte ihre Verbindungen zur Familie Menze und zum AOL-Verlag dar. Ein Programmpunkt, der unterhaltsam war wie der Rest des Abends.
Jürgen Schwarz führte dann in das Programm des Abends ein. Thema war die Liebe, die freudvolle Seite der Liebe ebenso wie die leidvolle. Und so wurde Goethes Leben dann anhand einiger seiner Liebschaften aufgerollt. Es begann im Jahre 1765 in Leipzig, wo Goethe als 16-Jähriger Jura studieren sollte, sich aber mehr dem “guten Leben und seiner Liebe Käthchen Schönkopf”, von Goethe “Annette” genannt, widmete. Die Gedichte “Annette an ihren Geliebten” und “Das Schreien” stammen aus dieser Zeit, ebenso wie das Lied “Sah ein Knab´ ein Röslein stehn”, eindrucksvoll vorgetragen von Wolfgang Haag, begleitet am Klavier von Elke Haag, die auch viele seiner Gedichte virtuos musikalisch begleitete.
Im Jahre 1768 musste Goethe Leipzig schwer krank verlassen, um dann nach seiner Genesung in Straßburg sein Studium fortzusetzen. Neue Stadt, neues Glück - er lernte Friederike Brion kennen, die Pfarrerstochter aus Sesenheim. Das Gedicht “Willkommen und Abschied” schildert einen Ritt von Straßburg nach Sesenheim. Ein typisches Sturm- und Dranggedicht, so Rezitator Jürgen Schwarz, alles dreht sich um die eigene Person. Beim “Mailied” (Gedicht) tritt das Ich dann in den Hintergrund. Goethe fühlt sich eins mit Gott und der Natur. Aber auch die Verbindung mit Friederike endete unglücklich. Goethe verließ sie.
Dass auch Tote noch Rache nehmen können, zeigte sich bei dann bei der Ballade “Der Totentanz” und dem von Jürgen Schwarz geschriebenen Monolog “Klage der Friederike”, mit herrlichem Elsässer Dialekt vorgetragen von Gabi Klein, in dem Friederike mit ihrem untreuen Galan abrechnet. Von 1771 an arbeitete Goethe in Frankfurt als Anwalt. Im Jahre 1775 verlobte er sich mit Lili Schönemann. Aber auch diese Verbindung verlief unglücklich, und als Goethe vom jungen Herzog Carl August von Weimar nach Sachsen gerufen wurde, löste er die Verlobung. Aus dieser Zeit stammten das Lied “Im Felde schleich ich still und wild” und das Gedicht “Auf dem See”.
In Sachsen lernte Goethe Charlotte von Stein kennen, die Frau des Oberstallmeisters, eine reife, in sich ruhende Frau, die auf Goethe einen beruhigenden Einfluss ausübte. Das Gedicht “An den Mond” bringt Goethes Gefühle für die sieben Jahre ältere Charlotte zum Ausdruck. Die “Redwiners” präsentierten zur Melodie “Wunderbares Mädchen” ein amüsantes Loblied auf Charlotte. Beim fingierten Streitgespräch im Hause Stein trafen dann Frau von Stein (Hertha Beuschel-Menze) und Christiane Vulpius (Lilith Menze), die spätere Frau Goethes, zu einem verbalen Schlagabtausch aufeinander.
Goethes Einstellung zur Liebe und zu den Frauen schildert die Ballade “Der Fischer”, die Geschichte einer mythischen Verführung, der Jürgen Schwarz das Gedicht “Seemärchen” von Gottfried Keller entgegenstellte, der die gleiche Geschichte sehr viel prosaischer sah. Auch das Lied “Es war ein König in Thule” besingt die ewige, wahre Liebe.
Mit dem Goethe-Interview, einem von Elke Haag komponierten Medley der bekanntesten Vertonungen des Erlkönigs (gesungen von Wolfgang Haag) und “Wandrers Nachtlied” klang der rundum gelungene Abend aus. Und der Beifall des Publikums für den ausgezeichneten Rezitator Jürgen Schwarz, die tolle musikalische Begleitung und alle Mitwirkenden verriet, dass sich mit Goethe keiner gelangweilt hatte.

(Acher- und Bühler Bote, 27. 07. 1999)

 

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