Autor

Was ist ein “Autor”?

Für mich beantwortet diese Frage am besten ein Holzschnitt von Frans Masereel
(aus: Die Sonne. Ein Bildroman in 63 Holzschnitten. 1919)

 

 

Der Holzschnitt von Frans Masereel wirkt ein wenig bedrückend. Man spürt geradezu die Einsamkeit des Mannes, den der Künstler als wesentlichen Teil seines Bildes dargestellt hat.
Dieser Mann trägt einen einfachen Anzug mit offenstehender Jacke, sitzt auf einem niedrigen, vierbeinigen Hocker vor einem Tisch und denkt nach. Er ist ein wenig über dem Tisch zusammengesunken. Beide Arme ruhen auf der Tischplatte. Mit dem rechten angewinkelten Arm stützt er seinen Kopf, der linke Arm liegt ausgestreckt da. Der Mann trägt eine Brille, aber er liest nicht, obwohl er eine Menge größerer und kleinerer Bücher besitzt. Sie stehen ungeordnet im Hintergrund des Zimmers zusammen mit einem Bild auf einem Bücherregal, das den sichtbaren Teil der Wand ganz ausfüllt.
Das Lesen würde den Mann zu sehr ablenken. Er beschäftigt sich nämlich mit einem Problem, an dem er vielleicht schon zuvor gearbeitet hat. In seiner linken Hand hält er einen Bleistift, auf dem Holzdielen-Fußboden zu seinen Füßen liegt ein Blatt Papier. Gerade jetzt kann der Mann weder lesen noch schreiben. Er denkt nach, während er vor einem weit geöffneten zweiflügeligen Fenster sitzt und nach draußen schaut.
Dort strahlt die ungeheuer große Sonne über ein paar Hausdächer und Kirchtürme geradewegs in das Zimmer auf den einsam dasitzenden Mann.
Während es im Zimmer und wohl auch im Innern des Mannes dunkel ist, überstrahlt die Helligkeit draußen die ganze Welt. Und die Strahlen der Sonne, die Masereel als schwarze Pfeile von der Sonne ausgehen lässt wie in einer Kinderzeichnung, könnten die innere Dunkelheit hell machen. Dann würde er vielleicht das sehen, wonach er jetzt sucht. Die Wehmut des ersten Eindrucks wird also zum Teil durch die lichte Welt draußen aufgehoben.

(Soweit meine Beschreibung zum Masereel-Bild aus: “Aufbauwissen”, AOL-Verlag, F274, Lösung zu Seite 24)


 

Im Laufe der Jahre habe ich verschiedene Verleger/innen kennen gelernt. Ob meine Erfahrungen mit ihnen typisch sind, weiß ich nicht. Dennoch kann das, was ich hier darstelle, für manchen eine Hilfe sein, wenn er/sie vor der Entscheidung steht, ob er/sie Schulbuch-Autor/in werden soll oder nicht.


 

Ein Verlag sollte sich darüber im klaren sein, dass seine Autorinnen und Autoren das wertvollste Kapital sind, das er hat.

Im folgenden lesen Sie 10 Ratschläge, die ich einem Verlag geben würde, der diesen Grundsatz außer Acht lässt. Alle Punkte beruhen auf schmerzlichen Erfahrungen.

10 Ratschläge eines Schulbuch-Autors an einen Schulbuch-Verlag 

1. Der Verlag sollte nicht zu viele Projekte auf einmal angehen. Sonst verliert er die Übersicht und überfordert den Autor.
2. Der Verlag sollte Versprechen, Zusagen und Termine einhalten, was wohl nur mit einer genauen Merkzettel-Verwaltung gelingt.
3. Der Verlag sollte sich von ideologisch bedingten Einseitigkeiten (z. B. Ranschburg-Phänomen, Rechtschreib-Reform) lösen.
4. Der Verlag sollte Korrekturen und Veränderungswünsche des Autors genau wahrnehmen und sie nicht auf innerbetrieblichen Wegen verlorengehen lassen.
5. Der Verlag sollte auf zugeschickte Manuskripte zumindest in der Form reagieren, dass er den Empfang bestätigt.
6. Der Verlag sollte alle Veränderungen am Manuskript, Ergänzungen in Leerräumen, Gestaltung des Covers mit dem Autor absprechen. Letzte Fassung vor Drucklegung dem Autor zuschicken. Unterlassungen nie mit Zeitdruck erklären wollen. Besser: sich entschuldigen und das Timing der Verfahrensabläufe ändern!
7. Der Verlag sollte nie fertige oder fast fertige Manuskripte auf die lange Bank schieben. Dann überholt u. U. die Zeit das Manuskript und es wird zum Entsetzen des Autors trotz Autorenvertrag nicht gedruckt.
8. Der Verlag sollte Autorenverträge vor der Unterschrift genau prüfen, damit er sich nicht später auf „Schreibfehler“ zurückziehen muss.
9. Der Verlag sollte bei allen Vorhaben die Übersicht behalten, sonst muss er beim Autor nachfragen, was er mit ihm vereinbart hat.
10. Der Verlag sollte nie ein Manuskript erst loben und dann später aus irgendwelchen Gründen verreißen.


 

Wenn es nicht anders geht, lassen sich manchmal auch gerichtliche Auseinandersetzungen nicht vermeiden. Was soll man denn sonst machen, wenn ein Verlag entgegen dem Autorenvertrag das Buch einfach nicht drucken will oder den Drucktermin immer wieder hinausschiebt, so dass der Autor kein Honorar sieht?


 

Ein Autor ringt nicht nur mit sich selbst um die besten Einfälle und Formulierungen, sondern häufig noch mehr mit Verlegern und Lektoren männlichen und weiblichen Geschlechts.
Hierzu ein Kapitel aus dem Buch: “Wenn der Tunfisch mit dem Panter”.

 

Politische Korrektheit

Political Correctness” (PC) ist eine Bewegung aus den USA, die sich seit 1993 auch in Deutschland ausbreitet. Es geht darum, Rassisten und Sexisten in die Schranken zu weisen und allen deklassierten, degradierten und diskriminierten Menschen zu ihrem Lebensrecht zu verhelfen: den Schwulen und Lesben, den Behinderten und Ausländern (“Meine Damen und Herren, liebe Neger!”) und vor allem den Frauen, die zwar keine Minderheit darstellen, aber doch unterdrückt sind.
PC wirkt sich aus in sprachlichen Veränderungen (Doppelungen in “Schülerinnen und Schüler” oder großgeschriebenem I in “SchülerInnen”), vor allem aber in einer vehement eingeforderten politisch korrekten Denkweise, die auch das Verhältnis eines Autors zu seiner Lektorin betrifft.
ER möchte in einem Vers deutlich machen, dass “rau” an die Schreibweise von “blau”, “grau” und “schlau” angeglichen wird, und schreibt:
Schreibt er rau wie blau und grau,
weiß man gleich: Der Mann ist schlau.
SIE hat das Empfinden, dass sich eine Gruppe unserer Gesellschaft diskriminiert fühlen könnte, und verändert den Zweizeiler:
Schreibt er rau wie blau und grau,
weiß man gleich: Der Mann ist schlau.
(Und natürlich auch die Frau)
ER begreift nicht: Kann man von der richtigen Schreibweise des Mannes auf die Intelligenz der Frau schließen? Außerdem weist ER darauf hin, dass ein Dreizeiler aus dem Rahmen fällt: entweder Zweizeiler oder Vierzeiler. ER will IHR aber entgegenkommen:
Schreibt er rau wie blau und grau,
weiß man gleich: Der Mann ist schlau.
Doch das weiß man nicht genau.
Hat er’s doch von seiner Frau?
SIE ist nicht überzeugt, sieht die Frau noch nicht genügend aufgewertet. Mein letzter Vorschlag zur Güte:
Schreibt er rau wie blau und grau,
weiß man gleich: Der Mann ist schlau.
Aber sicher ist man nie,
häufig hilft ihm eine Sie.
SIE freut sich, nun sei alles korrekt. ER ist am Ende und hat seine Lektion gelernt.


 

Besonders lästig ist es, wenn man mit einem Verlag zu tun hat, der bestimmte ideologische Einseitigkeiten pflegt, z. B. die Political Correctness (PC = Einstellung, die alle diskriminierenden Ausdrucksweisen und Handlungen ablehnt).
Das geht dann so weit, dass für Beispielssätze zu einem grammatischen Phänomen gefordert wird:
Es müssen genau so viele Mädchen- wie Jungen-Vornamen enthalten sein, weil man der Unterdrückung der Frau entgegenwirken muss.
Es müssen auch eine ganze Reihe von ausländischen Vornamen enthalten sein, weil man sich sonst den Vorwurf der Ausländerfeindlichkeit zuzieht.
Besonders ärgerlich ist es, wenn die Rechtschreib-Reform über den grünen Klee gelobt wird, man aber die Schwächen dieser Reform nicht zur Sprache bringen darf.
So hat man mir einen Autor (84 Jahre alt) als leuchtendes Vorbild vor Augen gestellt. Der gute Mann hatte auf dem Marktplatz in Hamburg selbst angefertigte Handzettel zur Verteidigung der Rechtschreibreform verteilt:

Wer gegen die Reform der Rechtschreibung ist,
zwingt Schüler, den folgenden UNSINN zu lernen:

Ich kann Auto fahren - aber ich kann radfahren.
Ich will nun staubsaugen - aber ich will nun Kaffee kochen.
Karl will teppichklopfen - aber Paul will Sprüche klopfen.
Die Karten werden mit Nummern versehen - aber sie werden numeriert.
Wir möchten spazierengehen - aber auch bummeln gehen.
In der Schule sitzenbleiben - aber im Warmen sitzen bleiben.
Das darf bekanntwerden - aber, als es doch bekannt wurde, ...
Kein Paket liegenlassen - denn man will es sich nicht klauen lassen.
Du rufst: “Der nächste bitte!” - aber man soll seinen Nächsten lieben.
Er ist im allgemeinen nett - aber er bewegt sich im Allgemeinen.
Lies bitte das nachfolgende - aber denke auch an die Nachfolgenden.
“Yes” heißt auf deutsch “ja” - aber im Deutschen sagt man auch o.k.
Ich war gestern abend nicht gut - aber am Abend bin ich sonst gut.

Das müssen wir doch ändern. - Also: JA zur Reform!!!

Mein Handzettel hätte ganz anders ausgesehen:

Wer für die Reform der Rechtschreibung ist,
zwingt Schüler, den folgenden UNSINN zu lernen:

Karl soll kopfrechnen – aber nicht Kopf stehen.
Die keplerschen Gesetze sind wohl andere als die Kepler’schen Gesetze.
Da gibt es Krebs erregende Substanzen – aber keine schmerzstillenden Tabletten.
Mit der Wirtschaft soll es aufwärts gehen – aber die Treppe sollen wir hinaufgehen.
Wer beisammensteht, soll nicht auseinander gehen.
Ich bin wohl behütet und deshalb wohlerzogen.

Das müssen wir doch verhindern. - Also: NEIN zur Reform!!!


 

Seitdem sind einige Jahre ins Land gegangen. Die Euphorie über den großen Wurf einer Rechtschreibreform ist verflogen. Die Vorschläge des Rechtschreibrates zur Veränderung der Rechtschreibreform sind nun amtlich: gültig ab 01. August 2006. Die Reform der Reform ist halbherzig, es bleiben große Mängel:
1. Groß- und Kleinschreibung: Die maßlosen und altertümlichen (im Allgemeinen, bei Weitem) oder die grammatisch falschen Großschreibungen (heute Abend, morgen Früh) gelten immer noch.
2. Laut-Buchstaben-Zuordnung: Die falschen Volksetymologien (belämmert, Tollpatsch, Quäntchen) bleiben erhalten.
3. Getrennt- und Zusammenschreibung: Die vielen Varianten (leidtun, Leid tun, aber nicht leid tun) verwirren.
4. Worttrennung: Weiterhin viel Unsinn (vol-lenden, ext-ra-groß, hi-nauf, he-rab). Das Wort Acker kann gar nicht mehr getrennt werden.
5. Zeichensetzung: Mängel nur zum Teil beseitigt. Noch immer ist der zu Missverständnissen führende Satz möglich: Er jagte das Wildschwein und seine Frau und sein Sohn und seine Tochter sahen zu.
Wir werden uns auf eine Endlosreform einstellen müssen.


 

Eine leidige Frage ist natürlich immer wieder das Geld, das Honorar. Ein Verleger schrieb mir einmal zu dieser Frage:
“Der Markt diktiert die Verhältnisse. Die Verhältnisse sind so, dass bei Büchern, die auf diesem Markt erscheinen, von Druckkostenzuschüssen bis ca. 16% vom Ladenverkaufspreis (Grass, Lenz, Konsalik) alles drin ist. Für Nischenverlage wie den unseren gelten 5 bis 8% vom Umsatz als üblich. Rowohlt zahlt beispielsweise 5% vom Nettoladenverkaufspreis, allerdings 50% bei Vertragsabschluss und 50% bei Erscheinen. Wir zahlen 8% vom Netto-Umsatz (unsere Einnahmen abzgl. MwSt.).
Die Autoren brummen nicht vor Geld. In der Regel jedenfalls nicht. Selbst gestandene Autoren sind in der Regel nicht mit Reichtum gesegnet. Deswegen gibt es die Künstlersozialkasse. Dahin müssen wir jedes Jahr 5% der Summe abführen, die wir insgesamt an Autorenhonorar bezahlen. Und die KSK bezahlt davon den armen Autoren die Krankenkasse und die Rentenversicherung. Nur Bestsellerautoren verdienen einigermaßen.
Also: Unsere Autoren verdienen in der Regel unterm Strich nichts, rechnet man alles in allem.
Aber: Ihre Werke sind in der Regel Abfallprodukte ihres Berufs. Und: Es macht Freude, anderen Menschen zu zeigen, wie man es selbst gemacht hat. Und wenn man sieht, dass es gut war.”


 

Dass Autoren nicht vor Geld brummen, kann ich bestätigen. Als nach einem Jahr die erste Abrechnung kam, hatte ich vor Steuern 15 DM pro Seite verdient, macht nach Steuern rund 10 DM. Im zweiten Jahr des Verkaufs kam noch einmal derselbe Betrag hinzu und im dritten genauso. Dann ist aber meistens Schluss, weil die Verfallszeit der Produkte erreicht ist. Wenn man diese Seiten nicht einfach als Abfallprodukte aus der Schublade ziehen kann, sondern wirklich neu erarbeitet, dann braucht man für die Produktion einer Seite ungefähr drei Stunden: Man muss eine Idee entwickeln, die Idee in einen Text umsetzen, den Text in den Computer eingeben, alles überarbeiten und ausdrucken. Zu den zwei Stunden der Herstellungszeit muss man noch eine weitere Stunde hinzurechnen, wenn man das Manuskript vom Lektor zurückbekommt und vieles umarbeiten und neu fassen muss. Insgesamt also 30 DM, die erst nach Jahren eintrudeln, für drei Stunden Arbeit. Das wäre alles nicht so schlimm, wenn sich hinter dem Begriff “Abfallprodukt” nicht eine Missachtung der Leistung eines Lehrers verbergen würde, was mich einmal bewogen hat, dem Verleger ein Anschreiben an mögliche noch zu gewinnende Autoren vorzuschlagen:

Lieber Freund unseres Hauses,
so dürfen wir Sie wohl nennen, denn von mehreren Seiten ist uns zugetragen worden, dass Sie gerne für unseren Verlag arbeiten würden. Das ist bereits ein so großer Vertrauensvorschuss, dass wir dieses Vertrauen gerne erwidern, und zwar in der Form, dass wir Sie gleich mit dem alle (Klassen-)Schranken überwindenden Du anreden möchten.
Also, lieber (# Vorname aus Datenbank entnehmen!),
zunächst einmal bitten wir dich um ein paar Muster deines bisherigen Schaffens (Text oder Bild), damit wir auch einschätzen können, ob wir dich im Rahmen unserer Produktpalette gut vermarkten können. Dabei ist Qualität für uns oberstes Gebot. Und Qualität wird bei uns gut honoriert. Mit sage und schreibe 8%. Andere Verlage geben nur 5%. 5% vom Ladenpreis und 8% vom Netto-Umsatz sind zwar annähernd dasselbe, aber 8% hört sich besser an und lässt deine Mit-Konkurrenten vor Neid erblassen. Im Normalfall größerer Werke (2000 Auflage, 30,- DM Ladenpreis, 150 Seiten) kommst du dann auf rund 20,- DM pro Seite. Ein stolzer Preis! Sollte dir das als zu gering erscheinen, bedenke folgendes:
Im wesentlichen handelt es sich um Abfallprodukte deiner geistigen Tätigkeit, die in der Schublade oder in irgendeinem Karton nutzlos herumliegen.
Solltest du wider Erwarten einiges oder alles neu konzipiert haben, denke daran, welche Freude dir schon die Herstellung bereitet hat und welche noch viel größere Freude du den Lehrerinnen und Lehrern, den Schülerinnen und Schülern bereitest. Diese Freude siehst du zwar nicht, aber als phantasievoller Mensch kannst du dir das sicher ausmalen.
Unter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten sicherst du den Arbeitsplatz vieler Menschen. Denke immer an den Ausspruch Kennedys: Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, frage viel mehr, was du für dein Land tun kannst.
Durch die Sicherung der Arbeitsplätze trägst du auch mit dazu bei, dass in deinen dir noch verbleibenden Erdentagen eine Rente in Höhe von etwa 1,7 Millionen DM gezahlt wird, die du durch vorzeitiges Ableben auch vermindern kannst. Aber das verlangt keiner von dir!
Die Arbeit bei uns wird dich anstrengen, möglicherweise dein Familienleben stören. So ist das bei jedem ernsthaft betriebenen Hobby. Aber denke daran, wie schön es ist, wenn man da durch ist. Die Freuden des Lebens kennt nur der, der auch die Schmerzen durchlitten hat.
In diesem Sinne hoffen wir auf deine Mitarbeit!

 

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