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Heiliger Abend
Predigttext: Hesekiel 37, 24-28

Die Zahlen in Klammern ( ) beziehen sich auf die Anmerkungen unter dem Predigttext.

Da saß er nun in der Hitze des Tages unter einem Kath-Strauch und kaute auf diesen Blättern, die nach Meinung seiner Landsleute so gefährlich sein sollten.(1) Sie würden die Sinne verwirren und süchtig machen. Er glaubte das nicht, und wenn, dann nahm er es in Kauf. Ohne Kath war es ohnehin nicht mehr auszuhalten. Er wollte alles vergessen hier in Tel Abib am Fluss Kebar, mehr als 1000 Kilometer von seiner Heimat Jerusalem entfernt. Erinnerungen quälten ihn.(2)
Vor mehr als 10 Jahren hatte der junge König Jojachin vor dem mächtigen Nebukadnezar kapitulieren müssen. Handwerker, Kaufleute und Lehrer waren nach Babylon verschleppt worden, über 3000 Familien. Und er als Priester hatte auch daran glauben müssen. Er musste lachen. Eigentlich hätte ihm das nicht passieren dürfen, denn er trug einen viel versprechenden Namen. Ob sich seine Eltern was dabei gedacht hatten, als sie ihn "Hesekiel" nannten, wusste er nicht. Er hatte in einem Wörterbuch nachgeschlagen. "Hesekiel" hieß so viel wie "Gott möge stark machen". Ein frommer Wunsch, fast ein Programm, an dem seine Landsleute in den ersten Jahren nach ihrer Verschleppung auch festhielten. "Das kann nicht lange dauern", so sagten sie, "Gott wird dem Zauber bald ein Ende machen." Aber es zog sich hin, Jahr um Jahr. Gott wollte wohl seinem Volk nicht helfen. Das war ja nicht das erste Mal, dass Gott so reagierte. Hesekiel kaute wieder heftiger auf seinen Kath-Blättern und schob sie in die andere Backentasche. Er jedenfalls hielt an Gott fest und wollte nicht zweifeln. Darum hatte er seinen Mitverbannten immer wieder ins Gewissen geredet, eindringlich, unbarmherzig und unnachsichtig. "Gott will euch strafen für all das Unrecht, das ihr ihm und euren Mitmenschen angetan habt."(3) Er hatte ihnen diese Strafpredigten mit solchem Nachdruck an den Kopf geworfen, dass er eines Tages seinen Spitznamen weghatte. "Du bist ja ein Prophet!"(4) hatten sie hinter ihm hergebrüllt. "Das haben wir schon immer geahnt. Du bist auch nicht besser als Jeremia, dieser ewige Nörgler, der den Untergang Jerusalems angekündigt hat."
Hesekiel schüttelte den Kopf. Er und ein Prophet? Alles in ihm hatte sich dagegen gesträubt. Er wusste ja, was man mit dem Propheten Jeremia gemacht hatte: Nachdem er vor dem Tempel einen Krug zerschmettert hatte, durfte er nicht mehr in den Tempel gehen. Er wurde gegeißelt und kam in den Block. Ganz so schlimm konnte es hier in Babylon nicht werden. Die Einheimischen passten schon auf, dass die Fremden untereinander friedlich blieben. Dennoch: "Prophet" war das Letzte. Oder sollte es seine Bestimmung sein, so eine Art Schicksal, gegen das man nicht ankam?
Seit einigen Jahren hatte er Ekstasen, Visionen, die sich mit Betäubungen, Lähmungen und zeitweiligem Stummsein verbanden.(5) Er war bei einem Arzt gewesen. Aber der hatte auch nicht helfen können. Er müsse damit leben, er solle nicht so viel Kath kauen. Aber das war leichter gesagt als getan. Er brauchte diesen Stoff, denn seine Landsleute waren in letzter Zeit noch unleidlicher geworden. Seitdem Jerusalem endgültig erobert und zerstört worden war, machten sie ihn zum Sündenbock. Er hätte mit seinem Gejammer über die schuldbeladene Stadt das Unglück geradezu herbeigeredet. Nun wäre wohl alles aus. Die meisten waren verzweifelt. Viele hielten es nicht mehr aus und brachten sich um. Einige beteten schon zu den Göttern der Babylonier. Was sollte nur aus ihm und seinem Volk werden?
Hesekiel grübelte vor sich hin. Er fühlte sich miserabel, elend auf den Tod. Er spürte es ganz langsam in sich hochkriechen. "Schon wieder so ein Anfall", konnte er noch denken. Dann schwanden die Sinne, er drohte ohnmächtig zu werden. Er sah sich auf einem weiten Feld mit verdorrten Totengebeinen.(6) Er musste über die vielen Knochen hinwegsteigen, um vorwärts zu kommen. Da waren Kriegstote, Verhungerte und Gefallene, Zerstückelte und Verbrannte, Niedergemachte und Vergewaltigte. Mitten in diesem schrecklichen Elend geschah etwas ganz Erstaunliches, was Hesekiel bei all dem Elend doch an die Schöpfung erinnerte, an neues Leben in dem Chaos. Da nahm einer, den er nicht genau erkennen konnte, einzelne Knochen, umgab die Gebeine mit Sehnen, ließ Fleisch darüber wachsen, überzog das Ganze mit Haut und hauchte den noch Toten Lebensodem ein, dass sie lebendig wurden und sich auf die Füße stellten. Das musste wohl Gott sein, der so kräftig blies. Etwas von diesem Windhauch bekam auch Hesekiel ab. Es tat gut, in der Gluthitze dieses kühle Lüftchen zu spüren. Es erquickte den Leib, belebte die müden Glieder und die verzagten Sinne. Es kam ihm so vor, als hätte er das ganze Wunder selbst vollbracht. Er zwickte sich, um sich zu vergewissern, dass er nicht träumte. Nein, er träumte nicht. Er meinte deutlich Gottes Stimme zu hören:

(Verlesen des Predigttextes)
24 Und mein Knecht David soll ihr König sein und der einzige Hirte für sie alle. Und sie sollen wandeln in meinen Rechten und meine Gebote halten und danach tun.
25 Und sie sollen wieder in dem Lande wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe, in dem eure Väter gewohnt haben. Sie und ihre Kinder und Kindeskinder sollen darin wohnen für immer, und mein Knecht David soll für immer ihr Fürst sein.
26 Und ich will mit ihnen einen Bund des Friedens schließen, der soll ein ewiger Bund mit ihnen sein. Und ich will sie erhalten und mehren, und mein Heiligtum soll unter ihnen sein für immer.
27 Ich will unter ihnen wohnen und will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein,
28 damit auch die Heiden erfahren, dass ich der Herr bin, der Israel heilig macht, wenn mein Heiligtum für immer unter ihnen sein wird.

Den Schluss bekam Hesekiel schon gar nicht mehr richtig mit. Er hatte zu tanzen begonnen, in wilder Leidenschaft. Jetzt würde sich alles zum Besten wenden. Er wandte sich in Richtung Jerusalem. Da her musste das Heil kommen, die Rettung, die Erlösung.(7)
Wind kam auf, Sand wirbelte hoch. Hesekiel hatte Mühe, zu sehen, was er sehen wollte. Er kniff die Augen zusammen. Ganz in der Ferne zog ein gewaltiger Tross heran. Bogenschützen mit Metallhelmen und Schuppenwämsern, Reiter mit Schwertern und Schilden aus Weidengeflecht. Und dann der große Wagen mit dem König, prächtig angetan mit Schnabelschuhen, Zipfelmütze und Fransenkleid. So hatte er sich immer den König David vorgestellt, der gleich einem Nebukadnezar Jerusalem erobert und mit den Jebusitern kurzen Prozess gemacht hatte. Wenn wir doch einen neuen David hätten! Der würde das Volk aus seiner Babylonischen Gefangenschaft befreien!
Aber war es wirklich David, der dort heranzog? Hier in der Wüste musste man aufpassen. Was man in der Ferne sah, konnte auch eine Täuschung sein, eine Fata Morgana. Als der königliche Zug näherkam, lösten sich schon einige Heeresteile auf und verschwanden. Der prächtige Königswagen entpuppte sich als ein müde dahertrottendes Maultier, auf dem ein Mann saß, der gar nicht wie ein mächtiger Herrscher aussah, eher wie ein kleiner Landesfürst. Männer, Frauen und Kinder begleiteten ihn und jubelten ihm zu. Wie überrascht war Hesekiel, dass sich dieser Zug, je näher er kam, noch einmal vor seinen Augen veränderte. Der vermeintliche Fürst war abgestiegen und kam zu Fuß als Hirte auf ihn zu, und aus den Menschen waren lauter Schafe geworden, die ihren Hirten umdrängten. Das also war es: ein Hirte und seine Herde! Warum war er nicht gleich darauf gekommen? Das war doch ein alltägliches, vertrautes Bild. Warum hatte er gerade vorher davon geträumt, dass Gott mit aller Macht dazwischenschlagen würde, um die Elenden zu befreien? Hirte und Schafe waren viel friedlicher als eine waffenstarrende Streitmacht. Hesekiel sah, wie sich die Schafe um den Hirten drängten, wie sie Schutz suchten. Der Hirte stand mitten unter ihnen, streichelte das eine, holte ein anderes zurück und nahm schließlich ein besonders schwaches, das gar nicht mehr laufen wollte, auf seine Schultern.
Hesekiel war wie vor den Kopf geschlagen. Da hatte er sich seinen Wunschträumen hingegeben und das Naheliegendste übersehen. Wie dieser Hirte für seine Schafe sorgte, so müssten die Menschen miteinander umgehen. Ein machtvoller König würde die Welt doch nicht retten. Gewalt würde nur Gegengewalt erzeugen. Sein Volk sollte nicht auf einen König wie David hoffen. Der hatte ständig Krieg geführt mit den Philistern, Amalekitern, Moabitern, Ammonitern, Edomitern und wie sie alle hießen. Sie müssten wie Hirte und Schafe werden, dann wäre Friede auf Erden, an dem Gott sein Wohlgefallen hätte.
Es war schon spät geworden. Hesekiel legte sich unter den Kath-Strauch und wollte die Nacht im Freien verbringen. Hirten schliefen ja auch draußen. Der Ort war geweiht, und die Nacht sollte es auch sein, gleichsam eine Weihnacht. Aber er konnte nicht einschlafen, so aufgeregt war er. Er hatte das Licht der Hoffnung in der Finsternis der Verzweiflung gesehen. Gott war ihm nahe gekommen in einem ganz alltäglichen Ereignis: in einem Hirten bei seiner Herde. Es hätte natürlich auch eine Mutter mit ihrem neu geborenen Kind sein können. Kinder und Schafe, die mochte er nämlich besonders gern. Sein Kind, wenn es denn ein Sohn wäre, sollte Jeschua heißen. "Der Herr rettet" hieß das. Und das glaubte er aus vollem Herzen. Gleich am nächsten Tag wollte er vor sein Volk treten und ihm erzählen, was er unter dem Kath-Strauch erlebt hatte. Ob die Leute ihm glauben würden?

Anmerkungen:
(1) Kat, Kath [arab.], das als mildes Rauschgift dienende Laub von Catha edulis, einem ostafrikanisch-arabischen strauchigen Gewächs. Die Wirkung wird dem Alkaloid Katin zugeschrieben.
(2) Wir sind etwa im Jahre 585 v.Chr. Im Jahre 597 v.Chr. kapitulierte Jerusalem zum ersten Mal. 587 v.Chr. wurde die Stadt nach einer Rebellion niedergebrannt. Durch zahlreiche Deportationen und Auswanderungen schrumpfte die Bevölkerung Judas von 250.000 Einwohnern auf knapp 20.000.
(3) Das Dogma einer Vergeltung nach den Maßstäben des Rechts war auch für Hesekiel Richtschnur des Denkens.
(4) Hesekiel erlebte seine Berufung etwa im Jahre 592 v.Chr., vgl. Hes. 1,1-3.
(5) Hes. 3,25 kann man auch so deuten, dass Hesekiel vielen Anfeindungen ausgesetzt war.
(6) Die Vision von den ausgetrockneten Gebeinen und die Symbolhandlung der beiden zusammengefügten Holzstäbe (Hes. 37,1-23) gehen dem Predigttext unmittelbar voran. Die nationalistischen Züge sind unverkennbar. Kap. 40-48 zeigen, dass sich Hesekiel die Wiederherstellung Israels nur im Sinne der Wiederherstellung der Kult- und Gesetzesreligion vorstellen konnte.
(7) Die Predigt macht den Versuch, die Attribute Davids (König, Fürst, Hirte, Knecht) wertend einander gegenüberzustellen.


1. Weihnachtstag
Predigttext: Titus 3,4-7

Wenn ein Text mit den Worten "Aber dann ..." beginnt, will er auf einen Wendepunkt hinweisen: die Zeit davor und die Zeit danach. Zuerst ein Rückblick in die Vergangenheit. Über lange Zeit oder eigentlich immer schon, so weit man denken kann, war es so ... "Aber dann" kam der große Umschwung, die Wende, die Revolution. Nun ist nichts mehr, wie es einmal war. Die Grundlagen sind erschüttert. Man traut seinen Augen nicht mehr. Man muss völlig umdenken.
Von solch revolutionären Veränderungen hat es in der Weltgeschichte mehrere gegeben, z. B. als die Menschen erfuhren, dass unsere Erde nicht der Mittelpunkt des Weltalls ist, sondern nur ein winzig kleines Teilchen am Rande des Universums, oder als sie hörten, dass sie nicht die Krone der Schöpfung darstellen, sondern sich zum Menschen aus dem Tierreich heraus entwickelt haben, oder als sie begriffen, dass sie selbst nicht unbedingt Herr im eigenen Hause sind, sondern dass es neben ihrem Ich noch ein Unbewusstes und Unterbewusstes gibt, das sie mehr treibt, als es ihnen lieb ist.
Auf so eine Erschütterung fest gefügter Meinungen zielt auch der Schreiber des Titusbriefes ab, wenn er den Menschen zunächst in seiner ganzen Erbärmlichkeit vor dem entscheidenden Wendepunkt beschreibt, wobei er sich durchaus mit einschließt. Wir Menschen, so sagt er, reden schlecht über andere, streiten uns, sind nicht friedfertig und freundlich zu allen Menschen, sind unverständig und ungehorsam, gehen in die Irre, werden von allen möglichen Wünschen und Leidenschaften beherrscht, leben in Bosheit und Neid und hassen uns selbst und andere. Insgesamt ein niederschmetterndes Bild, bis auf eine Ausnahme, wo wir dem Schreiber wohl nicht so ganz zustimmen würden. Er tadelt nämlich den Ungehorsam gegen die Regierung und die Behörden, während wir uns heute eher wünschen, dass die Bürger etwas weniger gehorsam und ehrfürchtig gegenüber den Entscheidungen der Regierung wären. Dennoch, im Großen und Ganzen hat der Schreiber Recht: Wir sehen ein Bild des Grauens angesichts menschlicher Unzulänglichkeiten und Bosheiten.
Das Überraschende ist nun, dass der Schreiber all dies in die Vergangenheit verlegt. Er sagt also nicht: "So sind wir", sondern: "So waren wir", früher, vor etlichen Jahren, eigentlich immer schon vor diesem entscheidenden Wendepunkt. "Aber dann ...!" Dann geschah etwas, was uns gerettet hat. Dann kam die Lösung, die Loslösung von allem Verkehrten. Dann kam die Weihnacht und mit ihr Jesus Christus als Zeichen der Freundlichkeit und Liebe Gottes. In der Finsternis der Welt und der Menschen schien ein strahlendes Licht. Ein einmaliges Ereignis, in der Tat. Im Rückblick erinnert sich der Schreiber an diesen historischen Augenblick. Jesus begegnete den Menschen mit Freundlichkeit und Friedfertigkeit so wie der Vater dem verlorenen Sohn. Er verkündete das Reich der grenzenlosen Güte und der bedingungslosen Gnade gerade für diejenigen, die alle Welt hasste. Er predigte die frohe Botschaft, dass Gott die Menschen bedingungslos liebt.
Das allein aber wäre noch nicht die Rettung, wenn sich in einer Welt des Hasses plötzlich nur bei einem einzelnen Menschen die Liebe in besonderem Maße zeigte. Nein, unser Briefschreiber sieht die Wende in einem viel größeren Ausmaß. Wie ein Stein ins Wasser fällt und nun das Wasser wellenförmig bewegt, hat auch Jesus Wellen geschlagen bis in unsere Gegenwart. Er kam als wahrer Mensch in diese Zeit und hat die Menschen verändert, sie zu neuen Menschen gemacht. "Gott hatte Erbarmen mit uns und hat uns errettet. Durch das Wasser der Taufe hat der heilige Geist uns noch einmal geboren und uns zu neuen Menschen gemacht."
Und das soll Wirklichkeit sein? Schön wäre es ja. Aber selbst zu Weihnachten sieht die Welt anders aus. Wenn in kriegerischen Auseinandersetzungen für ein paar Stunden die Waffen schweigen, so geht der Kleinkrieg in den Familien erst richtig los. Weihnachten ist eine gefährliche Zeit. Wenn die Menschen auf engem Raum zusammenkommen, wenn sie durch einen geheimen Zwang dazu verurteilt sind, für ein paar Tage mit den lieben Verwandten auszukommen, brechen die alten Vorurteile und Rivalitäten erst recht aus, viel häufiger und heftiger, als wenn man sich, wie sonst üblich und möglich, aus dem Wege geht. Zeigt unser Schreiber da nicht einen zu großen Optimismus? Ist er nicht geradezu blind, wenn er behauptet: "Wir können vor Gott bestehen"?
Jesus Christus ist zu Weihnachten geboren. Er ist das Bild eines Menschen, wie er Gott gefällt, vertrauensvoll zum Vater, geborgen in einem Gefühl der Liebe, unbedingt in seiner Sorglosigkeit gegenüber dem Leben. Dieser Jesus ist ein Geschenk, das uns allen zeigt, wie der neue Mensch gemeint ist, wie ihn sich Gott immer schon gedacht hat. Was im Predigttext wie eine feststellbare, schon geschehene Wandlung erscheint, ist wohl gesprochen aus der gläubigen Gewissheit: So könnte es werden, so kann es werden, so wird es sein, so ist es schon. Der Mensch kann neu werden.
Die Kraft, die das vermag, ist der heilige Geist. Jesus hat sich seit seiner Taufe im Besitz dieses Geistes gewusst. Mit seiner Hilfe treibt er böse Geister aus, heilt Menschen, vergibt ihnen ihre Sünden. Im Neuen Testament ist noch von so manchen Auswirkungen des Geistes die Rede: Einige Menschen können prophetisch in die Zukunft sehen und verborgene Gedanken offen legen, andere in Zungen reden und Wunder tun. Aber auch all tägliche Verrichtungen können Ausweis des Geistes sein: lehren, ermahnen, barmherzig sein, ja auch Jesus Christus als den Herrn bekennen und für sich anerkennen.
Im Blick auf Jesus, der uns zu Weihnachten als Kind erscheint, sollte uns klar werden: Wie ein Neugeborenes können wir es noch einmal versuchen, den alten Adam und die alte Eva abzustreifen. Gott gibt uns diese Chance, er rechnet uns die Vergangenheit nicht zu. Als Freigänger, die eigentlich hinter geschlossenen Türen verwahrt werden müssten, können wir es wagen, ins freie Leben zu treten. Wir sind begnadigt, obwohl wir selbst nichts getan haben, worauf wir uns berufen könnten.
Genau dasselbe geschieht in der Taufe. Ohne dass wir gefragt werden, ohne unsere Zustimmung erhalten wir ein Geschenk, Gottes Zusage: Fürchte dich nicht, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. So ist das mit einem, der geliebt wird. Er fühlt sich wie erneuert, gestärkt in seinem Selbstwertgefühl und kann deshalb voll Zuversicht in die Zukunft blicken. Man kann in die Klage über die Schlechtigkeit der Welt mit einstimmen, und man kann in billigen Optimismus verfallen: Es wird schon werden. Vor beiden Fehlern will uns der Briefschreiber bewahren. Er will uns in seine Freude und Zuversicht mit einschließen, aber er erwartet auch, dass wir uns als neue Menschen auf den Weg machen, wohin der Geist Gottes uns treibt.
Arnim Juhre, ein Dichter der Nachkriegszeit, hat die Ablösung des Furcht erregenden Stillstandes durch eine neue Beweglichkeit so aus gedrückt:
Es begab sich aber zu der Zeit, da die Bibel ein Bestseller war, übersetzt in 197 Sprachen, und das Neue Testament noch 60-mal-60-mal mehr, dass alle Welt sich fürchtete vor selbst gemachten Katastrophen, Inflationen, Kriegen, Ideologien, radioaktiven Regenwolken und Raumschiff Flottillen, die spurlos verglühten. Als die Menschenmenge auf dem Weg war, ungeheuer sich vermehrend, hinter sich die Vernichtungslager der Vergangenheit, vor sich die Feueröfen des Fortschritts, und alle Welt täglich geschätzt und gewogen wurde, ob das atomare Gleichgewicht stimme, hörte man sagen: "Lasst uns gehen nach Bethlehem!

 

 

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