Fazit

Gegen Ende seines Lebens mag jeder überlegen, ob es für ihn noch andere Möglichkeiten gegeben hätte: im Beruf, bei der Wahl des Ehepartners und der Anzahl der Kinder, bei der Festlegung des Wohnortes, bei den Urlaubszielen, den Freizeit-Aktivitäten und vielen anderen Dingen.

War das alles Fügung und Vorherbestimmung oder reiner Zufall?

Mit dieser Frage hat sich auch Max Frisch in seinem Drama „Biografie“ befasst.

Kürmann, ein Gelehrter in reifen Jahren, lernt auf einer Party, die er aus Anlass seiner Ernennung zum Professor gibt, eine Frau kennen und heiratet sie wenig später. Bald darauf betrügt ihn seine Frau. Kürmann lässt sich nicht scheiden, weil er seine Frau liebt, überlegt aber, wie sein Leben verlaufen wäre, wenn er nicht Professor geworden wäre, keine Party gegeben hätte, seiner Frau also nie begegnet wäre.

Im Drama von Frisch erhält er diese Möglichkeit, noch einmal neu anzufangen. Er tritt in die KP ein, um nicht Professor zu werden. Dann, so denkt er, würde es auch keine Party mit den bekannten Folgen geben. Aber dann wird er doch Professor, die Party findet statt, die Ehe wird geschlossen, seine Frau betrügt ihn.

Am Ende des Stückes liegt Kürmann sterbenskrank im Spital. Er erkennt die Unmöglichkeit des Möglichen.

„Ich denke oft bei mir: wie, wenn man so das Leben noch einmal, und zwar bewusst, von vorn beginnen könnte? Wenn das erste Leben, das wir schon durchlebt haben, sozusagen das Concept und das zweite die Reinschrift davon wäre? Dann würde doch jeder von uns bemüht sein, sich dieses zweite Leben angenehmer einzurichten, statt einfach das erste Leben zu kopieren! Er würde alles behaglicher haben wollen, mit Blumen, mit reichlichem Licht … Ich hab' eine Frau und zwei Töchterchen, meine Frau ist kränklich und so weiter, und so weiter, na, wenn ich mein Leben von vorn beginnen könnte, würde ich jedenfalls nicht heiraten … Um keinen Preis!“

(Werschinin in Anton Tschechows „Drei Schwestern“)

„Trenne dich nicht von deinen Illusionen. Wenn sie verschwunden sind, wirst du weiter existieren, aber aufgehört haben zu leben.“

(Mark Twain)

 

 

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