Goetheschule

Von 1970 bis 2000 war ich Lehrer an der Goetheschule in Kassel, anfangs mit viel Freude, was sich aber im Laufe der Zeit immer mehr änderte und sich schließlich in der Abschiedsrede angesichts meiner vorzeitigen Pensionierung ins Gegenteil verkehrte.


1. Als ich 1970 nach Kassel kam, hatte ich einen Antrittsbesuch beim Schulleiter der Goetheschule Herrn Rudolf B. zu machen. Die Begegnung war für mich enttäuschend, weil Hauptthema des Gesprächs das Buxtehuder Modell war, das in diesem Schulleiter im Gegensatz zu mir einen glühenden Verfechter gefunden hatte.

Die Auflösung der Klassenverbände in den Klassen 12 und 13, die Abschaffung des Klassenlehrers zugunsten eines Tutors, die Verteufelung des Frontalunterrichts, die Abwahlmöglichkeit bestimmter unliebsamer Unterrichtsfächer - all das bestärkte mich in meiner Überzeugung, dass durch dieses Modell eine Absenkung des Leistungsniveaus und eine Auflösung sozialer Beziehungen ermöglicht würde.

Die Tatsache, dass der Philologenverband nach anfänglichem Widerstand schließlich doch am selben Strang zog wie die GEW, bestärkte mich darin, aus dem Philologenverband auszutreten und mich nie wieder einer Partei, einem Verein, einem Verband oder einer sonstigen Gruppierung anzuschließen.


2. Nach Dienstantritt an der Goetheschule wollte ich mich zum körperlichen Ausgleich den Kollegen anschließen, die einmal in der Woche in einer Turnhalle Fußball spielten. Beim ersten Besuch der Truppe ließ man mich auf der Reservebank verhungern, sodass ich an dem anschließenden Kneipenbesuch nicht mehr teilnahm und auch nie wieder bei dieser Lehrergruppe vorstellig geworden bin.


3. Zu Beginn fiel mir auf, dass die Notengebung an dieser Schule ungewöhnlich war. Die Noten 5 und 6 fielen so gut wie aus. Nach jeder Klassenarbeit mussten die Lehrer, sofern sie der Anweisung nachkamen, 3 Hefte samt Notenspiegel beim Schulleiter vorlegen. Eines Tages forderte der Schulleiter durch die Sekretärin bei mir nicht nur 3 Hefte, sondern alle Hefte an. Da sie auch nach 14 Tagen nicht zurückkamen, wurde ich stutzig und erfuhr bei der Sekretärin, dass der Schulleiter alle Hefte zur Überprüfung an den Fachleiter für Deutsch, Herrn Wolfgang K., weitergegeben hatte.

Diese Maßnahme erboste mich so sehr, dass ich den Personalrat einschalten musste. Die Auseinandersetzung mit dem Schulleiter war heftig. Er beharrte aber darauf, dass er als Schulleiter solche Überprüfungen anordnen dürfe, auch hinter dem Rücken des Betroffenen. Leider habe ich es damals versäumt, mich von dieser Schule zu verabschieden.


4. Viele R- und Z-Fehler erhöhten den Fehlerquotienten und führten in der Endnote zu Punktabzügen. Bei mir waren die Punktabzüge immer sehr hoch. Der Schulleiter riet mir, nicht den „scharfen Hund“ hervorzukehren. Man könne auch Fehler übersehen oder als Wiederholungsfehler einstufen, z. B., wenn ein Schüler immer wieder die Schlusspunkte vergaß. Dem konnte ich leider nicht zustimmen.

Die Goetheschule galt als die Schule, an der die Schüler der Oberstufe ihre Lehrer frei wählen konnten. Natürlich nicht in der offiziellen Lesart. Jeder Lehrer musste vor der Kurseinwahl für das kommende Halbjahr sein Thema benennen, und die Schüler sollten dann nach ihren Interessen wählen. Die Themen interessierten aber keinen Schüler. Wichtig war, dass man den bevorzugten Lehrer bekam. An der Auswahl konnte der Schulleiter erkennen, welcher Lehrer bei den Schülern “in” war und welcher Lehrer als Schreckgespenst galt. Da gab es dann bei der Verteilung der Schüler die merkwürdigsten Praktiken, um unliebsame Lehrer auszuschalten und die Anzahl der Schüler möglichst gleichmäßig auf die einzelnen Kurse zu verteilen.

Eine dieser Praktiken habe ich in einem offenen Brief an meine Kollegen dargestellt:


5. Jede Klassenarbeit, bei der mehr als 25 % unter „ausreichend“ lagen, musste in der Fachkonferenz genehmigt werden. Das gab Ärger. Um sich den zu ersparen, hatte man mehrere Möglichkeiten.

Man setzte die Anforderungen herab oder übersah einfach Fehler. Beides wollte ich nicht. Oder man gab nur 20 % ein „mangelhaft“, weiteren 10 % ein „schwach ausreichend“. Bei der nächsten Arbeit wurde die Streuung vertauscht, sodass man Ende bei der Versetzungskonferenz ruhigen Gewissens 30 % eine nicht ausreichende Leistung attestieren konnte. Dieses ein wenig fragwürdige Verfahren ließ sich nur rechtfertigen, wenn besondere Umstände einen dazu zwangen, etwa wenn viele Ausländerkinder ohne ausreichende Deutschkenntnisse in einer Klasse konzentriert wurden.


6. Es gab keinen gültigen Lehrplan. Absprachen in der Fachkonferenz wurden nicht eingehalten. Jeder machte, was er wollte. Es gab auch keine Übereinkunft, welche Maßstäbe bei der Notengebung einzuhalten waren. Selbst die Fachbereichsleiter unternahmen in dieser Hinsicht keine Anstrengungen.



7. Zwei gescheiterte Bewerbungen um eine Funktionsstelle (Fachleiter für ev. Religion und Fachbereichsleiter im gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeld) zeigten mir, dass es beim Auswahlverfahren nicht um die fachliche Qualifikation geht, sondern ausschließlich um die Vernetzung in einem undurchsichtigen System von Beziehungen.

Als dann noch im Auswahlverfahren ein Mitglied des Prüfungsausschusses eine meiner kritischen Äußerungen gegenüber der eigenen Schule hinter vorgehaltener Hand an den Schulleiter weitergab, der mich zur Rede stellte und damit den schlimmen Regelverstoß im Auswahlverfahren dokumentierte, redeten sich alle Beteiligten heraus. Leider habe ich es versäumt, einen Anwalt einzuschalten und das gesamte Auswahlverfahren für ungültig erklären zu lassen.


8. Der Religionsunterricht (RU) an der Goetheschule hatte immer einen schweren Stand, weil er im Kollegium weithin als überflüssiges Fach angesehen wurde, weil er bei der Schulleitung keine ausreichende Unterstützung fand (Der Schulleiter forderte beim Schulamt ohne Nachdruck oder zu spät Religionslehrer an.), weil sich die die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck und das Land Hessen gegenseitig die Schuld an dem unhaltbaren Zustand zuschoben.



Um der Not zu begegnen, wurde der RU in die Randstunden verlegt. Das förderte die Abmeldequote und hatte den Vorteil, dass die Schüler, die den RU abgewählt hatten, nicht beaufsichtigt werden mussten. Die kleiner gewordenen Religionsgruppen konnte man zusammenlegen und sparte dadurch Lehrer. Außerdem ließ man den Unterricht in bestimmten Jahrgangsstufen einfach ausfallen: “Die haben ja Konfirmanden-Unterricht.”

Dann wurde im Land Hessen der Ethik-Unterricht (EU) eingeführt. Wer sich vom RU abmeldete, musste am EU teilnehmen. Aber woher die Lehrer für den EU nehmen? Der Schulleiter Dr. Michael v. R. überredete mich, an einem zweijährigen Fortbildungskurs mit schriftlicher Hausarbeit und mündlicher Prüfung teilzunehmen. Nach erfolgreichem Abschluss der Fortbildung wurde aber an meiner Schule der EU teilweise wieder abgeschafft. Begründung: Lehrermangel.

Das wollte ich nicht hinnehmen und erklärte, zukünftig keinen RU mehr erteilen zu wollen. Der Schulleiter überschätzte seine Befugnisse und wollte mich trotzdem zum RU zwingen. Ich weigerte mich, es kam zum Streit. Mein Anwalt setzte es durch, dass ich nach der Hessischen Verfassung nicht zum RU verpflichtet werden konnte und dass meine Fortbildung im Sinne einer Lehrbefähigung anerkannt wurde.

Natürlich habe ich mir durch meine Weigerung selbst geschadet, weil ich dann verstärkt Deutsch unterrichten musste.



Ethik-Unterricht in der Sek. II
Pyrrhus-Sieg

Als Rom mit Tarent um die Herrschaft in Unteritalien Krieg führte, eilte der König Pyrrhus von Epirus mit 20.000 Söldnern, 3.000 thessalischen Reitern und 26 Kriegselefanten der Stadt Tarent zu Hilfe. Er konnte zwar im Jahre 279 v. Chr. bei Ausculum einen Sieg erringen, verlor dabei aber rund die Hälfte seiner Streitmacht und musste wenige Jahre später doch den Römern die Herrschaft überlassen. Er hatte einen Pyrrhus-Sieg errungen.
So mag man auch den Sieg ansehen, den die Fachschaft Religion in ihrer Sitzung vom 24.10.95 über die Fachschaft Ethik davongetragen hat. Vom Schuljahr 96/97 an, so wurde beschlossen, wird der Ethik-Unterricht (EU) in den Jahrgangsstufen 11-13 gestrichen.
Dadurch sollen folgende Verbesserungen für den Religions-Unterricht (RU) an der Goetheschule erreicht werden:
1. Der RU in Kl. 7 wird wiederaufgenommen.
2. Der RU in Kl. 9/10 braucht nicht mehr jahrgangsübergreifend erteilt zu werden, denn durch die Wiedereinführung des EU in Kl. 9/10 nehmen auch wieder mehr Schüler am RU teil (Im Schuljahr 95/96 beträgt der Anteil der am RU Teilnehmenden nur noch 30% der Jahrgangsbreite.), und man kann die Klassenstufen 9/10 wieder trennen.
3. Der RU in Kl. 12/13 kann im Grundkursbereich wieder 3std. durchgeführt werden, weil man bei einer als sicher geltenden Abmeldequote von 70% nicht mehr so viele Lehrer braucht.
Man wird angesichts dieses Beschlusses den Eindruck nicht los, dass sich hier der RU auf Kosten des EUs sanieren will. Die offizielle Begründung ist natürlich eine andere: Der Lehrermangel lasse keine andere Entscheidung zu. So sieht es wohl auch die Schulleitung, die in der besagten Konferenz anwesend war und diesen Beschluss unterstützt hat.
Der Lehrermangel ist nicht plötzlich eingetreten, sondern war seit langer Zeit absehbar und hätte die dafür Zuständigen auf den Plan rufen müssen. Sie hätten mutig mit Wort und Tat dafür eintreten können, dass RU und EU wichtige Fächer sind wie Deutsch, Mathematik, Fremdsprachen oder Naturwissenschaften. Dem steht aber wohl der Zeitgeist entgegen, der nicht nur den RU und den EU, sondern auch die Fächer Kunst und Musik als eine überflüssige Zugabe im Bildungsbereich ansieht.
In einer Zeit, in der ethische Fragen drängender werden, ist die Beschränkung des EUs auf die Kl. 9/10 eine Zumutung. Sicherlich ist auch dort der Unterricht wichtig und sollte nicht gestrichen werden. Aber für den Prozess ethischer Urteilsbildung ist es unerlässlich, philosophische Einsichten in Strukturen und Grenzen menschlichen Erkenntnis- und Urteilsvermögens zu vermitteln. In der Mittelstufe kann man angemessen darüber nachdenken, was in verschiedenen Bereichen das Gute ist und warum gerade dies das Gute ist. In der Oberstufe kommt hinzu, sich mit der Frage auseinander zu setzen, warum wir überhaupt das Gute tun sollen. Diese Thematik in umfassender Weise zu behandeln ist Aufgabe des EUs. Das schafft kein anderes Fach, auch nicht der RU. Es ist es ein Irrtum, anzunehmen, der RU könne den EU ersetzen: Kein Fach kann ein anderes ersetzen.


10 Gebote für Schulleiter

 

  • Keinen Kollegen anweisen, einen anderen Kollegen hinter dessen Rücken zu überwachen und zu kontrollieren.
  • Keinen Kollegen, der eindeutig „Nein!“ sagt, kraft eigener Machtfülle versuchen zu „vergewaltigen“, also zu irgendeiner Handlung zu zwingen. (#MeToo) (#BalanceTonPorc)
  • Nie von einem Kollegen erwarten oder gar fordern, Fehler in Klassenarbeiten absichtlich zu übersehen.
  • Durchstechereien abwehren oder nicht zur Kenntnis nehmen.
  • Verschwiegenheit wahren, wo sie absolut notwendig ist.
  • Sich für den Religionsunterricht/Ethikunterricht voll einsetzen, auch wenn gewisse Kreise im Kollegium opponieren.
  • Das Gespräch mit den Kollegen suchen und nicht in den Pausen in seinem Dienstzimmer sitzen bleiben.
  • Das Problem von Alkoholikern im Kollegium nicht unter den Teppich kehren.
  • Dafür sorgen, dass sich der Name der Schule in positiver Weise auf den Geist, das Gemeinschaftsgefühl und das Image der Schule auswirkt. Warum heißt die Goetheschule so oder die Christian-Rauch-Schule?
  • Zeigen, dass man als Schulleiter den Posten zu Recht einnimmt, auch wenn jeder weiß, dass man ihn aufgrund irgendwelcher Umstände (Parteizugehörigkeit, Beziehungen, …) bekommen hat.


9. Ein Vater beschwerte sich über mich beim Schulamt. Angeblich ungerechte Notenvergabe bei einem Schüler, der besondere Schwierigkeiten hatte: Eltern lebten in Scheidung, wegen Migrationshintergrund erst vier Jahre in Deutschland, langer Schulweg. Darauf müsste ich doch Rücksicht nehmen.

Der zuständige Aufsichtsbeamte erklärte dem Vater, ich sei halt kein „Pädagoge“, sondern ein „Pauker“. Der Vater hielt mir diese Aussage vor. Auch diesmal unternahm ich nichts. Vielleicht, weil ich den vorzeitigen Ruhestand bereits vor Augen hatte.


10. Schüler provozierten mich durch Störung des Unterrichts, Zuspätkommen, Nichtanfertigen der Hausaufgaben, Mobbing von Referendaren, die ich betreuen sollte.

Mitteilungen dieser Sachverhalte an Eltern stießen weithin auf Unverständnis und führten zu Beleidigungen: Das läge alles daran, dass ich die Verhaltensweisen der Schüler nicht richtig einschätzen könnte.


Wie ich den Ethik-Unterricht erlebt habe

Ethik-Unterricht in der Sek. I
Wie die Alten sungen, ...

Ethikunterricht in einer Mittelstufenklasse. Es geht um das Thema “Gewalt”: wie sie entsteht, wie man sie erklären kann, wie man mit ihr umgeht.
Wir besprechen einen Fall, der im Arbeitsbuch vorgegeben ist und der - Zufall? - annähernd die Situation in der Klasse widerspiegelt:
Der Klassenraum sieht wie ein Saustall aus. Die Tafel ist verschmiert, Müll liegt auf dem Fußboden. Ich wende mich an die beiden für die Ordnung zuständigen Schüler. Diese beteuern, es nicht gewesen zu sein. Dennoch zwinge ich die beiden unter Androhung eines Klassenbucheintrags, die Klasse zu säubern. Sie fügen sich nur murrend der Anordnung, “übersehen” dabei absichtlich einige Müllreste. So weit der Fall.
Die Schüler in der besagten Mittelstufenklasse finden mein Verhalten nicht richtig. Das sei Erpressung, eine aggressive Handlung. Das müsse man anders lösen.
Wir stellen in einem Rollenspiel den Fall nach. Der Lehrer, gespielt von einem Mädchen, redet der Klasse sanft ins Gewissen, mahnt Rücksichtnahme an, empfiehlt Eigenverantwortung. Alle sind zufrieden, geloben Besserung. Wie schön!
Doch beim Nachdenken über diese Lösung äußern einige: Dieses Reden nützt bei uns gar nichts. Wir brauchen Druck und Zwang, sonst läuft gar nichts.
Ein letzter Versuch: Ich hebe ein Papier auf und bringe es zum Papierkorb. Der Lehrer als Vorbild! Dazu meine Argumente: In einem sauberen Raum fühle man sich doch viel wohler, außerdem könne man so den Verursacher der Unordnung beschämen, vielleicht zu einer Veränderung seines Verhaltens bringen.
Aber ich merke schon: Das überzeugt nicht. Wer sich so verhält, zeigt Schwäche, wird nur als Sonderling belächelt oder als Irrer verspottet. Es klingelt. Alle drängen aus dem Klassenraum. Keiner bückt sich nach dem Müll. Großzügig steigen alle darüber hinweg. Zurück bleibt der Klassenraum in seinem unordentlichen Zustand. Damit die Putzfrauen auch noch etwas zu tun haben, wie einer bemerkt.
In den Rahmenrichtlinien "Ethik" steht geschrieben: "Die Förderung ethischer Urteilsbildung soll den Schüler motivieren und befähigen, nach Wertvorstellungen und ethischen Grundsätzen zu handeln."


11. Beleidigungen in der online geführten Schulzeitung, die vom verantwortlichen Redakteur, einem Lehrer, nicht unterbunden wurden.



Der Höhepunkt war mit einer Morddrohung im Internet erreicht, die von der Schulleitung, vom Schulamt und von einem Richter als Dummer-Jungen-Streich abgetan wurde. Die überführten Täter wurden nicht bestraft.




Am 01.11.2000 hatte meine “Leidenszeit” an der Goetheschule ein Ende.

Rede zu meiner Verabschiedung an der Goetheschule

Ein Kollege, der heute aus Krankheitsgründen nicht dabeisein kann, hat mir für den heutigen Tag gewünscht, dass alles gut und friedlich (!) verlaufen möge.
Was soll ich also bei meiner Verabschiedung sagen, damit alles friedlich bleibt? Soll ich sagen, was ich denke? Oder soll ich das sagen, von dem ich meine, dass Sie es hören wollen? Am besten wäre es natürlich, Sie wollten das hören, was ich denke. Aber dabei ist Vorsicht geboten. Die Gedanken sind zwar frei, aber für das Zusammenleben nicht immer förderlich und gedeihlich. Ich werde deshalb in Grenzen sagen, was ich denke und von dem ich annehme, dass Sie es hören wollen.

Warum scheide ich mit dem heutigen Tage aus dem Dienst aus? Zunächst muss ich einigen Verdächtigungen entgegentreten:

1. Ich schiede aus, weil ich einem “unmoralischen Angebot” erlegen sei. Da lese ich im FOCUS Nr. 43, dass der Telegate-Chef Klaus Harisch (36) die Möglichkeit, frühzeitig in Pension zu gehen, für ein unmoralisches Angebot hielte. So ein Angebot habe ich nie bekommen, aber ich hätte es schon vor 10 Jahren ohne Bedenken angenommen und hätte es auch nicht als “unmoralisch” empfunden, denn ich kenne die Goetheschule, Harisch kennt sie nicht. “Unmoralisch” ist es eher, dass ich schon vor meinem Ausscheiden einen “Behindertenausweis” bekommen habe, nicht mit dem Buchstaben H für “hilflos”, sondern mit einem großen V. In drei Sprachen steht dort zu lesen, dass ich jetzt ein “Versorgungsempfänger” bin, von Gnaden des Landes Hessen. “Unmoralisch” wäre es auch, wenn man im Schulbereich Karriere allein wegen seiner Parteizugehörigkeit machte.

2. Ich schiede aus, weil ich mir etwas hätte zuschulden kommen lassen. Entlassung als Strafmaßnahme. Woher stammt dieses Gerücht? Der Sohn eines Kollegen hatte in der Abitur-Zeitung meine moralische Integrität angezweifelt, was von anderen Kollegen mit klammheimlicher Freude im Unterricht kolportiert wurde. Als ich mich dagegen wehrte, hat die SV auf einem öffentlich ausgehängten Plakat die Verdächtigungen zurückgenommen und sich dafür entschuldigt.

3. Ich schiede aus, weil ich über große schauspielerische Fähigkeiten verfügen würde. Kollegen haben schon nachgefragt, natürlich scherzhaft, ob ich als Nachfahre von Felix Krull ihnen einige Tipps und Tricks verraten könnte. Sie wollten auch so gerne vorzeitig die Kurve kratzen.

Natürlich ist das alles ein Schmarren. Die Wahrheit ist: Ich scheide aus Krankheitsgründen aus. Manche halten das für unglaubwürdig. Ich sollte mir meine Krankheit gefälligst früher einfallen lassen und nicht einen Monat nach Beginn des neuen Schuljahres. Das störe nur den Unterrichtsbetrieb, weil neue Stundenpläne erstellt werden müssten.
Ich habe in den letzten Tagen viele solcher Gespräche geführt, immer mit denselben Fragen: Stimmt es? Sie wollen uns verlassen? Sie sehen so fit aus! Welcher Jahrgang sind Sie? Am Ende immer dieses “innerliche” Kopfschütteln.
Welche Krankheit habe ich denn nun? Ich habe eine vegetative Dystonie (= ein missliches Spannungsverhältnis) mit Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System. Wo liegt die Ursache? Ich rauche nicht, trinke nicht, kokse nicht, bin nicht geschieden, jogge, lebe gesund. Wie kommt es also? Ich erkläre mir die vegetative mit einer sozialen Dystonie, einem unguten Spannungsverhältnis zwischen mir und dem System. Wer ist schuld? Es gibt darauf zwei Antworten:

1. Ich bin schuld, so sagt man mir, weil ich eine Neigung zu eitler Selbstbespiegelung habe, eine nur mangelhaft ausgebildete Frustrationstoleranz und weil ich eigentlich ein depressiver Typ bin. Selbst ein Dienstvorgesetzter hat einem Elternteil gegenüber verlauten lassen, ich sei ein Wissensvermittler und kein Pädagoge. Außerdem ist mir klar geworden, dass ich im Deutschunterricht immer die falschen Werke lese von Goethe, Kleist, Fontane. Deshalb auch der Wunsch einer Schülerin im “Umlauf online”, der Goetheschul-Zeitung, unter dem Slogan: “Wir freuen uns über jeden Eintrag”, sie wünsche, dass ich mir bald das Genick brechen möge. Ist es da verwunderlich, wenn ich als Lehrer von Selbstzweifeln befallen werde? Ich hätte wohl lieber “Steinmetz” oder Tierpfleger für den “Storch” oder Lord-”Siegl”-Bewahrer werden sollen. (Die Anspielung versteht nur, wer im System Goetheschule gearbeitet hat.)

2. Das System ist schuld. “An unseren Schulen ist was faul. Aber das sind nicht die Lehrer!” hieß es vor kurzem auf einem Plakat, leider von der GEW, aber trotzdem richtig. In meinem Falle weise ich nur darauf hin, dass das Fach IKG ganz abgeschafft worden ist, das Fach Ethik zu einem großen Teil, und dass auch das Fach Religion stark angeschlagen ist. Viele sagen mir: Wenn ich könnte, würde ich auch in Rente gehen oder auswandern. Gibt das nicht zu denken?

Für mich ist das Problem beendet. Seit heute morgen setzt mein Gesundungsprozess ein. Ein Lebensabschnitt ist zu Ende, ein neuer beginnt. Ich war gerne Lehrer, bleibe auch weiterhin Lehrer und setze die Tätigkeit der letzten Jahre fort, nämlich Unterrichtsmaterialien zu verfassen. Das nächste Text-Heft erscheint im November (Goethes “Kleine Blumen ...”), ein bunter Blumenstrauß aus Gedichten, Romanausschnitten und dramatischen Szenen.
Aus meiner bisherigen Produktion lege ich Ihnen eine kleine Auswahl vor als Dank an alle, die mir geholfen haben, nicht schon früher aufzugeben. Nehmen Sie von dem Haufen mit nach Hause, was Sie gerne lesen möchten. Für jeden liegen etwa 3 Exemplare bereit.

Das herzliche Lachen in der “Rentner-Ecke” werde ich vermissen.

Mein Wahlspruch bleibt weiterhin:

Gegen die Infamitäten des Lebens
sind die besten Waffen:
Tapferkeit, Eigensinn und Geduld.
Die Tapferkeit stärkt,
der Eigensinn macht Spaß,
und die Geduld gibt Ruhe.
(Hermann Hesse)

Mein Wunsch: Lassen Sie sich nicht unterkriegen! Alles wird gut!


Im Vorfeld meiner Verabschiedung wurden von einigen Kollegen Gerüchte gestreut, die eine unehrenhafte Entfernung aus dem Dienst zum Inhalt hatten. Die SV hat diese Gerüchte unter den Schülern verbreitet. Nach einem Einspruch meinerseits wurde die SV verpflichtet, am Schwarzen Brett der Schule einen Widerruf zu plakatieren.



12. Selbst mehrere Jahre nach meiner Pensionierung erreichte mich ein beleidigender Brief eines vermutlich ehemaligen Schülers, natürlich anonym. Der Brief nahm Bezug auf einen Leserbrief in der HNA vom 10.02.2011.




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