Lehrer

Warum bin ich Lehrer geworden?

Schon als ganz junger Mensch wollte ich Lehrer werden, weil ich eine bestimmte Vorstellung von Schule hatte, die ich verwirklichen wollte.

 

Non scholae, sed vitae discimus

Es ist nun endlich soweit, daß wir in das neue Gebäude einziehen können. Es wird keinen Schichtunterricht mehr geben, und die Beengung wird ein Ende haben. Wir werden durch helle, weiträumige Flure gehen und in freundlichen Klassen sitzen. Wir werden neue Geräte und moderne technische Anlagen benutzen können.
Man könnte noch viel darüber sagen, wie es dem Architekten durch eine großzügige Gesamtplanung gelungen ist, “alle unsere Erwartungen zu übertreffen”. Aber es ist hier nicht der Platz, um dem Gott des Fortschritts und der Leistung ein Loblied zu singen. Lautsprecher, Akustikplatten und Einzeltische für jeden Schüler in Ehren - wer möchte schon gerne in einer Bank sitzen, an der bereits mehrere Schülergenerationen physikalische Vergleiche zwischen der Haltbarkeit ihrer Taschenmesser und der Stabilität des Eichenholzes durchgeführt haben -, aber alle diese Dinge sind nicht von entscheidender Bedeutung.
Weit wichtiger erscheint mir, und diese Gedanken überkamen mich jedesmal, wenn ich die Promenade hinunterging und das Wachsen des Baues sah, einmal darüber nachzudenken, was denn die Errichtung eines solchen Hauses für uns bedeutet und was uns da eigentlich empfohlen wird:
1. Die Schule ist so eine Art Tankstelle und verzapft Treibstoff fürs Leben. Natürlich muß der Treibstoff unserer Maschine angemessen sein. Wenn der Motor bockt, dann taugt eben der Stoff nichts und muß gegen einen besseren ausgetauscht werden.
2. Daneben - so sagen die Lehrer - geht es in der Schule natürlich um Bildung. Da kann man freilich nicht von Stoffen reden; man sagt vielmehr Bildungsgut und meint damit dasselbe.
So laufen die Schule als Tankstelle und Bildungswerkstatt auf das gleiche hinaus. Alles dreht sich um uns und unsere Zurüstung fürs Leben. Und was ist das Leben? Arbeiten, Geldverdienen, seinen Mann stehen. Wohlstand - Krone des Lebens!
Wie aber, wenn sich die Schule von dem Leben da draußen nicht bestimmen läßt, wenn sie, solange sie noch etwas mit schole, zu deutsch: Muße, zu tun hat, der Ort des gelassenen Suchens nach dem Wesen der Dinge wäre?
Die Schule ist für das Leben. Freilich nicht für ein solches, in dem wir in der Mitte stehen, in dem wir alles für uns in den Dienst nehmen wollen, sondern für ein Leben, in dem wir für die anderen da sind, für Dinge, Wesen und Menschen. Nicht um das Tafel- und Bücherwissen soll es uns gehen, sondern um die Menschen, die vor und hinter den Büchern ihr Leben führen. Denn die Menschen sind es, die das Leben ausmachen. Für eine Schule, die uns in Anspruch nimmt auf die Dinge hin, die uns in ihrem Raume begegnen, gilt wie ehedem der alte Spruch: Non scholae, sed vitae discimus.

 

(aus: Wattenscheider Gymnasialblatt der Vereinigung ehemaliger Schüler und der Freunde des Wattenscheider Gymnasiums, Nr. 6, April 1958, S. 10)


 

Wie ich mich selbst gesehen habe (1996)

 

Herr Schwarz wechselte 1970 vom Ratsgymnasium in Rotenburg/Wümme an die Goetheschule in Kassel. Seitdem ist er im “Eimer”, lokal und emotional.

Warum er Lehrer geworden ist, läßt sich nicht mehr so genau ermitteln. Das hatte keine Familientradition. Jedenfalls ist ihm immer eingeredet worden, ein Lehrer habe oft Ferien, verdiene viel Geld und erfreue sich eines hohen Ansehens. “Wie man sich doch irren kann”, stellt er bedauernd fest. Dennoch ist er gerne Lehrer, was sich auch darin zeigt, daß er oft die Hausaufgaben mitmacht, die er seinen Schülern aufgibt.

In seinen Träumen wünscht er sich Schüler, die nicht ständig mit der Formel “Viel Spaß!” die Pause beenden, sondern begreifen, daß Lernen manchmal anstrengend ist und den ganzen Einsatz der Person verlangt.

Vorbilder hat er keine, vielleicht seine Großmutter. “Die war immer zufrieden trotz aller Widrigkeiten”, schwärmt er, “geduldig bis zum äußersten und auf ihre Weise gerecht.” Diese Eigenschaften könne ein Lehrer gut gebrauchen.

Das Ziel, dem er entgegenlebt: möglichst bald keine Klassenarbeiten mehr korrigieren und keine Noten mehr geben müssen. Bis dahin will er nach einem Motto von H. Hesse leben: “Gegen die Infamitäten des Lebens sind die besten Waffen: Tapferkeit, Eigensinn und Geduld. Die Tapferkeit stärkt, der Eigensinn macht Spaß, und die Geduld gibt Ruhe.”

Übrigens: Er hat eine besondere Art von Ironie, die nicht jeder versteht.

 

(aus: Who’s Who. Lehrer und Angestellte der Goetheschule. UMLAUF. Sonderausgabe Nr. 5. Herbst 1996)


 

Goethe als Erzieher war mein Ideal.

 

Wie ich gesehen werden wollte

Als ich am 9. Juni 1775 auf meiner ersten Reise in die Schweiz nach Zürich kam, lernte ich bei Lavater den durch den “Werther”-Roman beeinflussten todessüchtigen Heinrich Julius von Lindau kennen und seinen Pflegesohn Peter im Baumgarten, einen Hütejungen aus dem Haslital im Berner Oberland. Zwei Jahre später nahm ich den Jungen bei mir in Weimar auf. Aber alle Erziehungsversuche im Sinne der philantropischen Ideen Rousseaus schlugen fehl: Peter taugte nicht für den Bildungsunterricht, beendete seine Lehre beim Förster in Ilmenau vorzeitig und wurde schließlich Kupferstecher.
Mehr Erfolg hatte ich mit dem elfjährigen Fritz, dem jüngsten Sohn der Frau von Stein. Vielleicht war es die Liebe zu der um sieben Jahre älteren Frau, die mich beflügelte und dazu führte, dass Frau von Stein Mühe hatte, nach 1786 - unser Verhältnis ging in diesem Jahr in die Brüche - ihren Sohn wieder von mir wegzuziehen. So anhänglich war er geworden.
So ist das mit der Erziehung von Kindern: Misserfolg und Erfolg liegen dicht beieinander. Man steckt eben nicht drin. Diese Erkenntnis lässt mich als Lehrer bescheiden werden, wie auch meine Verse im Gedicht “Ilmenau” belegen:

 

Wer kennt sich selbst? Wer weiß, was er vermag?
Hat nie der Mutige Verwegnes unternommen?
Und was du tust, sagt erst der andre Tag,
War es zum Schaden oder Frommen.

 

(Johann Wolfgang von Goethe)


 

Auch andere waren der Meinung, dass ich Lehrer werden sollte. Nach einem Praktikum an meiner ehemaligen Schule schrieb der Schulleiter:

 

Beurteilung

Herr Jürgen Schwarz, zurzeit Student in Göttingen, hat in der Zeit vom 26. 2. - 27. 3. 1962 an unserer Anstalt sein pädagogisches Praktikum abgeleistet. Herr Schwarz war dem Kollegium schon aus seiner Schulzeit als ein charakterlich einwandfreier, gut begabter und strebsamer Schüler bekannt. Als er sich dem philologischen Studium zuwandte, waren seine Lehrer der festen Überzeugung, daß er den richtigen, ihm durchaus entsprechenden Beruf einschlug.

In der Zeit seines Praktikums ist dieser Eindruck nur bestätigt worden. Alle Lehrkräfte, die sich in diesen 4 Wochen um ihn bemühten, sind der festen Überzeugung, daß Herr Schwarz für den Lehrerberuf durchaus geeignet ist. Er bringt ein pädagogisches Einfühlungsvermögen mit, das sich darin bewies, daß er in den einzelnen Klassen, in denen er auch zum selbständigen Unterricht herangezogen wurde, sehr rasch den Kontakt zu den Jungen fand und mit ihnen in recht schöner und pädagogisch richtiger Weise umzugehen wußte. Er zeigte ein wissenschaftlich fundiertes Wissen und große Freude an der unterrichtlichen Betätigung, so daß seine selbständig erteilten Stunden bei gewissenhafter Vorbereitung auch den entsprechenden unterrichtlichen Erfolg hatten. Wegen seines bescheidenen und zurückhaltenden Wesens war er ein gern gesehener Gast im Kollegium.

Ich darf noch einmal zusammenfassend sagen, daß das pädagogische Praktikum ganz deutlich erkennen ließ, daß Herr Schwarz in jeder Beziehung die Eignung für den Beruf eines Lehrers an höheren Schulen besitzt.


 

Zunächst schien sich dieser Eindruck auch zu bestätigen.

 

Wie mich die Schüler gesehen haben (1972)

Er ist ein großer, schlanker Mann, dessen blaue Augen, die hinter einer Brille verborgen sind, während des Sprechens ständig auf die Klasse gerichtet sind, um jeden, der die Disziplin nicht wahren will, gleich zu ermahnen.
Er scheint außerdem Wert auf Ordnung und anständiges Benehmen zu legen. Das zeigt seine immer gerade Haltung, seine besonders deutliche Aussprache und seine korrekte Kleidung.
Auch seine schwarzen, sehr kurz geschnittenen Haare, sein schneller, gerader Beamtengang und seine fast immer ernste und strenge Miene deuten darauf hin, dass man ihm nicht auf der Nase herumtanzen kann.
Nach der Unterrichtsstunde trägt er den gerade durchgenommenen Unterrichtsstoff in das Klassenbuch ein, um dann mit langen Schritten so schnell wie möglich das Klassenzimmer zu verlassen.
So versucht er jeden Tag, den Schülern etwas beizubringen, was ihm auch meistens gelingt.

 

(Jürgen Kaiser, Klasse 8 d, Goetheschule, April 1972)

 

Das Wiedersehen
Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: “Sie haben sich gar nicht verändert.” - “Oh!” sagte Herr K. und erbleichte.

 

(Bertolt Brecht)


 

Im Laufe der Zeit hat sich meine Einstellung allerdings gewandelt.

Der Wandel in meiner Beurteilung des Lehrerberufes hat viele Gründe. Entscheidend waren die Begegnungen mit Dienstvorgesetzten, Kollegen, Schülern und deren Eltern.

 

Thomas Gottschalk in FOCUS, 41/2003:
Da sitzen 40 Nasen, die sich nur für MTV oder SMS interessieren, und du sollst ihnen etwas über DNS oder NSDAP erzählen. Dazu bitte noch alles, was sie an sittlichen Werten fürs Leben brauchen. Da kannst du nur die weiße Flagge hissen. Alle Lehrer, die dies nicht tun, und das sind immer noch ‘ne Menge, haben meinen größten Respekt. Aber ich bin froh, dass ich keiner mehr bin.


 

FOCUS Nr. 15 vom 09. 04. 2001:
Höllenjob Lehrer
Überfordert - Verspottet - Ausgebrannt.
Wer ist schuld an unserer Schulkrise?

Politikstunde in einer Berufsschule in Aachen: Ein 18-jähriger Schüler droht seinem 53-jährigen Lehrer vor versammelter Klasse “ordentlich Prügel” an, weil er “keinen Bock hat”, den geforderten Aufsatz zu schreiben.
Kunstunterricht an einem Gymnasium in Berlin: Ein 14-Jähriger, der wegen notorischen Zuspätkommens ins Klassenbuch eingetragen wird, schnauzt seinen 49-jährigen Pauker an. “Wenn Sie das machen, gehe ich zum Rechtsanwalt.”
Vom einstigen Traumberuf mit gesicherter Existenz, hohem Prestige, reichlich Ferien und vermeintlich viel Freizeit ist nicht mehr viel übrig. Das gesellschaftliche Ansehen der Pädagogen war noch nie so schlecht wie heute. Verspottet von Politikern und allein gelassen von vielen Eltern, müssen Pädagogen unter verschlechterten Bedingungen immer mehr Aufgaben bewältigen und immer schwierigere Kinder bändigen.
Kaum ein gutes Haar lässt Günter Besenfelder, Leiter der Gewerblichen Schulen in Donaueschingen und Chef des Berufsschullehrerverbandes (BLBS), an seinen Schülern. Viele seien sozial geschädigt und hätten Probleme, sich einzuordnen: “Die springen im Unterricht einfach auf und rennen raus.”
Gewalt an Schulen macht den Lehrern mehr und mehr zu schaffen. “Wo früher geprügelt wurde, blitzen heute Messer”, hat Gesamtschulleiter Kasper in seinem Umfeld festgestellt. Vor und nach der Schule sowie in den Pausen gehörten Erpressungen, Diebstahl, Einbrüche und Gewaltdelikte zur Tagesordnung.
Gewalt auch gegen Lehrer.


 

HNA vom 29. 11. 1998
Drohbriefe im Internet
Anonyme Droh- und Schmähbriefe im Internet - öffentlich zugängliche Computer in Internet-Cafés machen es möglich. Ein Kasseler Lehrer wurde zum Opfer.

Kassel. Der Blick in den elektronischen Briefkasten seines Computers geriet für Jürgen Schwarz zur Tortur. Im Posteingang fand der Pädagoge gleich mehrere üble Schmähbriefe. Die wüsten Beleidigungen und Hasstiraden gipfelten in der Drohung: “Wenn ich dich noch einmal treffe, schlage ich dich tot.” Der Absender der E-Mails blieb im Dunkeln, die elektronische Post wurde vom Starke Internet Bistro in der Königsgalerie abgeschickt.
“Ein bisschen Angst habe ich doch gekriegt.” Der Oberstudienrat erstattete Strafanzeige und informierte die Goetheschule, wo er Deutsch, evangelische Religion und Ethik unterrichtet und für die informations- und kommunikationstechnische Grundbildung der Schüler sorgt. “Ich hab’ die selbst im Unterricht ins Internet eingewiesen”, sagt Schwarz. Sein Verdacht, die Hassbriefe könnten von Schülern stammen, sollte sich bestätigen.
Der Zufall half dabei, die zwei Übeltäter ausfindig zu machen. Einer hatte es Schwarz zu verdanken, dass er sitzen geblieben war und eine Klasse wiederholen musste. Schon wenige Tage nach dem Vorfall beschloss die Klassenkonferenz die Höchststrafe: Die beiden 15-Jährigen sollen von der Schule verwiesen werden.
Genugtuung will sich bei dem geschmähten Pädagogen aber nicht einstellen. Unabhängig vom Ausgang des noch andauernden Strafverfahrens gegen die beiden Schüler sieht Jürgen Schwarz ein Problem in den jedermann frei zugänglichen Computern mit Internet-Anschluss. “Die Täter haben ausgesagt, dass für sie der Anreiz zu ihrem Vorhaben gerade darin bestand, in der Anonymität eines öffentlichen Anschlusses untertauchen zu können”, berichtet der Lehrer.
Eine Sperrung der E-Mail-Funktion der öffentlich zugänglichen Computer löst das Problem nicht, weil die Benutzer im Internet genügend weitere Möglichkeiten zum Versenden elektronischer Post vorfinden. Die Nutzer der öffentlichen Internet-Anschlüsse müssten also namentlich registriert werden.
In der Verwaltung der Königsgalerie hat man diese angedachte Möglichkeit, die Namen der jeweiligen Internet-Nutzer in einer Liste von den Bedienungen des Bistros erfassen zu lassen, wieder verworfen. Das Personal müsste sich zur zweifelsfreien Identifizierung jeweils einen Ausweis vorlegen lassen, und damit würde man zu sehr in die Persönlichkeitssphäre der Besucher eindringen, so Königsgalerie-Chef Jochinger.
Schwarz sieht im Verzicht auf Kontrollen den Versuch, die Persönlichkeitssphäre möglicher Täter zu schützen. Das weltweite Computernetzwerk sei kein rechtsfreier Raum, und “gerade die schlimmen Erfahrungen mit der im Internet verbreiteten Pornographie zeigen, wie sorgfältig wir mit diesem Medium umgehen müssen”.

 

(Jörg Steinbach)

 

Was ist aus der Strafanzeige geworden?
Die beiden Täter mussten zwar die Schule wechseln, obwohl das Staatliche Schulamt sie in der angestammten Schule halten wollte.
Die Staatsanwaltschaft beim Landgericht Kassel sah aber von einer Strafverfolgung ab.
Begründung:
“Bei dem Verfassen der Briefe handelt es sich offenbar um die spontane Umsetzung einer Schüleridee im Werte eines unüberlegten üblen Streiches.”


 

Dass es auch anders geht, zeigen die beiden folgenden Zeitungsmeldungen.

 

HNA vom 29. 01. 1999
Im zweiten Fall von “Hate Speech” im Internet hat ein Bezirksgericht in Los Angeles einen 22-jährigen Amerikaner asiatischer Abstammung verurteilt. Das Gericht befand Kingman Quon in sieben Fällen für schuldig, 100 Hispaniern im ganzen Land Hass-Mails geschickt zu haben, in denen er drohte, sie zu töten.
Quon verschickte die Mails unter falschem Namen an 42 Professoren der California State University in Los Angeles, an 25 Studenten am Massachusetts Institut of Technology (MIT) sowie an Angestellte der NASA, der Indiana University, von Xerox, des Texas Hispanic Journals und des Finanzamtes.
Die Urteilsverkündung ist auf den 8. Februar angesetzt. Als Höchststrafe drohen Quon sieben Jahre Gefängnis und eine Geldstrafe in Höhe von 700.000 Dollar. Da sich Quon schuldig bekannte, fordert Staatsanwalt Michael J. Gennaco lediglich zweieinhalb Jahre Haft.

 

HNA vom 27. 06. 2001
Die Angst vor Gewalt in den Schulen bringt in den USA auch die jüngsten“Räuber und Gendarme” vor Gericht. Die Botschaft lautet: Bei Morddrohungen verstehen wir keinen Spaß mehr.
Washington. Laut Polizeibericht schlich sich der Täter kurz nach der ersten großen Pause von der Schultoilette aus über den Flur bis zur Tür des Klassenzimmers. Mit der Waffe in der Hand, so heißt es weiter, stürmte er in die Klasse 2a und rief: “Ich werde euch alle abknallen!” Doch kurze Zeit später konnte die Polizei den Täter überwältigen, in Handschellen abführen und schon am Tag darauf dem Haftrichter vorführen.
Als Motiv für seine Tat gab der Täter an, er habe “cops and robbers” spielen wollen. Doch Schulbehörden und Polizei verstehen keinen Spaß mehr, seit die “school shootings” allein im letzten Jahr 31 Menschen das Leben gekostet haben.
Die gepriesene neue Politik der Nulltoleranz sieht die Strafverfolgung nicht nur für Gewalttäter vor, sondern für alle Schüler, die “Morddrohungen” aussprechen oder eine Waffe mit an die Schule bringen. Dass die “Morddrohung” vielleicht nur ein Scherz und die Waffe vielleicht nur ein Spielzeug war, ist für den neu geschaffenen Straftatbestand unerheblich.
“Die Kinder müssen verstehen, dass sie niemanden bedrohen dürfen. Wir können nicht wissen, wann es Spaß ist und wann wieder mal einer Ernst macht”, verteidigt der zuständige Staatsanwalt die Anklage.


 

Inzwischen gibt es in Kassel einen neuen Fall.

 

HNA vom 01. 02. 2003
Schüler mobben Lehrer via Internet
Betroffenheit am Lichtenberggymnasium des Landkreises - Jugendlichen droht Schulverweis
Von Beate Eder

Kassel. “Wenn wir unsere Lehrerin im Unterricht kritisieren, dann gibt sie uns schlechte Noten.” Das war noch die harmloseste Äußerung von einer Schülergruppe des Jahrgangs 12 des Lichtenberggymnasiums. Als Hurensohn wurde ein Lehrer beschimpft, sogar verbal mit dem Schlagstock auf Pädagogen eingedroschen. Beleidigungen in Fäkalsprache machten auch vor Mitschülern nicht Halt. Das alles wurde in einem Internetforum geäußert - von Schülern vom hauseigenen Computer aus im September 2002 eingerichtet. Die für Internetnutzer öffentlich zugängliche Seite namens “Osgo-Board” hat mit der offiziellen Homepage des Gymnasiums nichts zu tun, so der zuständige Schulmedienexperte, der Pädagoge Klaus Füller.
Der Schulleitung war von dem privaten Schülerforum nichts bekannt, sagt Helmut Dörr. Doch vor 14 Tagen flog die Sache zufällig auf, zehn Schüler wurden dingfest gemacht. Sieben von ihnen seien dort als Moderatoren und als Mobber aufgetreten, berichtete der Schulleiter. Diesen Jugendlichen droht der Schulverweis. Über deren Wohl und Wehe wird in der kommenden Woche die Klassenkonferenz (das sind die unterrichtenden Lehrer) entscheiden. “So eine Internetgeschichte haben wir in Stadt und Landkreis noch nie erlebt”, sagt Justitiar Albrecht Groth vom Zuständigen Staatlichen Schulamt.
In dem Gymnasium ist die Betroffenheit groß - es wurde sofort eine Vollversammlung des Schülerjahrgangs 12 einberufen, Gespräche mit Kollegen, Schülern und Eltern initiiert. “Wir waren alle geschockt”, sagt Leona Malorny von der Schülervertretung. Das Board sei zwar bekannt gewesen, die meisten der 145 Schüler des Jahrgangs hätten sich aber nicht darum gekümmert. Schulelternvertreter Dr. Woermann sieht in diesem Fall das Werte- und Rechtssystem auf dem Prüfstand. Konsequenzen werden kommende Woche Thema einer Schulelternbeiratssitzung sein.
Den Initiatoren sei - das hätten Gespräche mit den Jugendlichen und ihren Eltern gezeigt - die Tragweite ihres Handelns nicht klar gewesen, so Dörr. Tenor sei gewesen, dass es sich “doch nur um eine virtuelle Welt und nicht um die reale handelt”. Die Schüler hätten beteuert, keinen verletzen zu wollen, und Wiedergutmachung vorgeschlagen. “Wir wollen jetzt als Schule nicht an den Pranger gestellt werden”, sagt Dörr. Nach HNA-Recherchen ist Mobbing per Internet oder Handy auch an anderen Schulen bekannt.

 

Beate Eder schreibt in einem Kommentar zu diesen Vorkommnissen:
HNA vom 01. 02. 2003
Fehlende Werte
Gemobbt wurde schon immer - Schüler wie Lehrer fügten sich gegenseitig seelische Verletzungen zu. Nun hat aber das Internet eine neue Dimension eröffnet: Unter einem Pseudonym versteckt, kann der Nutzer seinen Aggressionen freien Lauf lassen.
In der Realität hätten sich die Schüler nicht getraut, ihre Lehrer übelst zu beschimpfen. Von Angesicht zu Angesicht hätte dann doch der Anstand gesiegt. Anstand ist eine Norm, aber noch lange kein Wert. Die Grundregeln der Menschlichkeit fehlen - übrigens auch bei vielen Erwachsenen.

 

Wie nicht anders zu erwarten war, hat sich das Staatliche Schulamt auf die Seite der mobbenden Schüler geschlagen.

 

HNA vom 11. 03. 2003
Beleidiger fliegen nicht von der Schule
Lichtenbergschüler äußerten in einem privaten Internetforum Unflätiges über ihre Lehrer
Von Beate Eder
Kassel. Die sieben Schüler aus dem Jahrgang 12 der Georg-Christoph-Lichtenberg-Schule werden nicht von dem Landkreis-Gymnasium fliegen. Wie berichtet, hatten sie in einem privat eingerichteten Internet-Forum Schüler wie Lehrer schwer beleidigt.
Sechs der Gymnasiasten erhielten die Androhung des Schulverweises, einer von ihnen eine schriftliche Missbilligung. Alle müssen Wiedergutmachung leisten: In sozialen Einrichtungen wie einem Altenheim und einem Jugendzentrum des Landkreises kostenlose Nachhilfe geben oder die Schach-Arbeitsgemeinschaft des Gymnasiums führen. Dies teilte Schulleiter Helmut Dörr auf Anfrage unserer Zeitung mit.
Allerdings besteht offenbar zwischen dem Personalrat der Schule und dem Staatlichen Schulamt ein Konflikt. So hatte das Lichtenberg-Gymnasium die beiden Hauptschuldigen der Schule verweisen wollen. Doch das Staatliche Schulamt entschied anders.
Die beiden Zwölftklässler seien bis zu jenem Ereignis unauffällige Schüler gewesen und darüber hinaus Leistungsträger, sagte Justiziar Albrecht Groth vom Staatlichen Schulamt. Wären sie des Gymnasiums verwiesen worden, so seien aus rechtlichen Gründen die Verhältnismäßigkeit der Mittel nicht gewahrt gewesen. Die beiden Schüler hätten sich zudem reumütig gezeigt und sich entschuldigt. Ihnen sei offenbar nicht bewusst gewesen, dass das privat eingerichtete Internetforum eine öffentliche Sache sei.
Zudem sei einer von den beiden Leistungsträger im Fach Informatik und hätte im Falle eines Verweises in Bad Hersfeld zur Schule gehen müssen - dort gebe es die nächstgelegene Möglichkeit, Informatik als Leistungskurs zu wählen.
Hingegen bewertet ein Teil der Lehrerschaft die Entscheidung des Schulamtes kritisch. Es stelle sich die Frage: Was muss sich ein Beamter alles gefallen lassen?, berichtet Schulleiter Helmut Dörr. Und: Wie sieht in solch einem Fall die Fürsorge des Dienstherrn aus?
Hierzu habe der Personalrat einen Brief an das Staatliche Schulamt verfasst. Er soll öffentlich gemacht werden, sobald das Schreiben dort offiziell eingegangen sei.
Der Direktor betonte, dass die Schule in jedem der sieben Fälle Einzelentscheidungen per Klassenkonferenz gefällt habe. Die Elternschaft stehe voll und ganz hinter den Entscheidungen der Schulleitung.
Bei einer Themenkonferenz werde es demnächst um die Frage gehen, wie Schüler und Lehrer miteinander umgehen. Speziell das Thema Missbrauch des Mediums Internet werde in einem Reader aufgearbeitet, berichtete Dörr.
Wichtig sei, dass ein gemeinsamer Lernprozess in Gang gebracht worden sei. Das Thema, so der Direktor, werde aber nach wie vor bei Schülern wie Lehrern kontrovers behandelt.

 

Beate Eder schreibt in einem Kommentar zu diesen Vorkommnissen:
HNA vom 11. 03. 2003
Lehrer als Opfer
Für die Lichtenberg-Gymnasiasten ist die Sache glimpflich verlaufen: Sie fliegen trotz nachgewiesener Lehrer-Beleidigungen in einem privat eingerichteten Internetforum nicht von der Schule. Sie sind reumütig und sehen ihr falsches Handeln ein.
Allerdings ist an dieser Stelle die Frage erlaubt: Was müssen sich Pädagogen eigentlich alles gefallen lassen? Moralisch ist die Antwort eindeutig: Jedenfalls nicht als Hurensohn beleidigen lassen, wie geschehen.
Auf den ersten Blick sieht der Fall nun so aus, als hätten die Schüler alles Recht auf ihrer Seite. Es ist gut, dass der Personalrat des Landkreisgymnasiums den Eklat noch einmal aufgreifen wird. Die Opfer - also die betroffenen Lehrer - müssen noch mal zu Wort kommen. Welche Rechte haben sie?


 

Das passiert einem ja leider immer wieder, daß man von ehemaligen Schülern oder Schülerinnen angesprochen wird. Und meistens von denen, die vorher alles getan haben, einem die Arbeit in der Schule unerträglich zu machen. Die, die einen gequält haben bis aufs Blut, die bauen sich dann plötzlich vor einem auf, grinsen, strecken die Hand her, stellen einem ein Mordsweib vor oder so ein erschütterndes Mädchen; womöglich auch noch ein paar glücklich kreischende Kinder, die einen mit pappigen Fingern berühren; dann quatschen sie einem die Ohren voll mit ihrer tollen Biographie und legen Reuebekenntnisse ab, beteuern, daß sie erst im Laufe der Jahre eingesehen hätten, was er für ein klasse Lehrer gewesen sei ... Er konnte sich die Sentmentalitätsausbrüche seiner vormaligen Peiniger nur mit Widerwillen und Ekel anhören.

 

(Martin Walser: Ein fliehendes Pferd)


 

Leserbrief aus DIE ZEIT, Nr. 42, 9. Oktober 2008, S. 70
Die Zeit ist reif für ein Elternhasserbuch. Hier ein Auszug:
Zunehmend versagt ihr bei der Erziehung, seid beratungsresistent bei der Schulwahl, parkt eure Kleinen bei neuen Medien und erwartet dann von den Lehrern, dass ihnen mit 30 Kindern gelingt, was ihr noch nicht mal mit einem schafft.
Ihr fordert individuelle Betreuung, Methodenfeuerwerk à la Klippert, bemüht jedoch bei Notengau unverzüglich Anwälte für Verwaltungsrecht, um Verletzungen des Gleichheitsprinzips nachzuweisen.
Statt Sekundärtugenden zu vermitteln, lasst ihr Ritalin verschreiben. So wird aus eurem Versagen eine Krankheit und Verantwortung an andere delegiert.
Ihr legt die moralische Latte bei Lehrern nur deshalb so hoch, damit bei Fehlversuchen lustvoll Lehrer-Bashing betrieben werden kann.
Andere Berufe hingegen lasst ihr trotz eines höheren Sozialprestiges ethisch ungeschoren davonkommen. Wie viele Ärzte studierten wohl, um Menschen zu helfen, und welcher erfolgreiche Rechtsanwalt arbeitet für Gerechtigkeit?

 

(Ronald Engelmann, Eppenrod)


 

HNA vom 13. Januar 2011
Frustrierter Lehrer (Gesamtschulleiter aus Kassel mit viel Berufserfahrung) redet Klartext
Die “Niedlichkeit”, mit der kleine Machos in der Grundschule auf dem Schulhof andere Schüler schubsen, wird erst auf weiterführenden Schulen zum Problem. Da bringen Lehrer die pubertierenden Randalierer kaum mehr zur Raison. Grund ist der wachsende Egoismus und Individualismus mit der Einstellung: “Ich bin der Nabel der Welt.” Der Respekt gegenüber Lehrern und anderen nimmt deutlich ab.
Ein Problem sind die mit Computerspielen hoch aufgerüsteten Kinderzimmer. Die Folgen sind Unkonzentriertheit und Unfähigkeit, Unterrichtsinhalte aufzunehmen. Jungs sind besonders betroffen. Ein Problem für die Schuldisziplin sind auch mangelhafte Sprachkenntnisse ausländischer Kinder. Die haben inzwischen in der dritten Migrantengeneration das Niveau der ersten erreicht.
Es ist wichtig, dass Schulen durchsetzbare Regeln aufstellen. Diese einzuhalten muss konsequent überwacht werden, ohne zu überziehen.
Unverfrorenheiten mancher Eltern gegenüber Lehrern und Schulleitung spitzen sich im Jahrgang 7 zu, wenn die Schulpflicht ausläuft. Während gutbürgerliche Akademiker-Eltern aus dem Westen der Stadt Kassel sich nicht scheuen, bei Uneinigkeit über Noten oder Erziehungsmethoden einen Anwalt einzuschalten, kommt das bei ausländischen Familien nicht vor.
Da hat der Druck, der gegenüber Pädagogen ausgeübt wird, andere Formen. Drohungen, die Lehrer öfter hören, sind: “Wenn mein Sohn nicht versetzt wird, bring ich mich um” oder “... dann schicken wir ihn in die Türkei.” Es kommt auch vor, dass körperliche Gewalt angedroht wird.

 

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