Prädikant

Was ich als Prädikant machte

Vom 01.05.1976 bis zum 30.04.2001 war ich Prädikant der Evangelischen Landeskirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW). Einige Predigten, die ich in der Stadt und im Landkreis Kassel gehalten habe, wurden bis zum Jahre 2003 auch regelmäßig veröffentlicht, zuerst in den Kasseler Haus- und Lesegottesdiensten, dann im Gütersloher Verlagshaus in der Reihe "Lesepredigten", herausgegeben von Erhard Domay.
Meine Tätigkeit als Prädikant fand allerdings ein unrühmliches Ende:
Am 06.10.1999 schrieb mir der Bischof, nach § 10 des Kirchengesetzes über den Dienst der Prädikanten müsste ich zu meiner Aus- und Weiterbildung an Seminaren und Pastoralkollegs der Landeskirche teilnehmen. Daran hätte ich es seit Jahren fehlen lassen. Ob es dafür eine Erklärung gäbe. Auf meine Antwort sei er gespannt.
Am 13.10.1999 habe ich darauf geantwortet, dass ich den § 10 als Angebot sähe, nicht als Zwang.
“Was den wesentlichen Dienst eines Prädikanten betrifft, nämlich das Predigen, bewege ich mich auf sicherem Boden. Ich habe Theologie studiert (in Göttingen, nicht in Kassel), arbeite in der Schule, gebe Religions- und Ethikunterricht und bin täglich mit Glaubensfragen befaßt. Im Gegensatz zu manchen anderen Prädikanten muß man mir theologisches Basiswissen nicht erst beibringen.”
Sodann habe ich erklärt, dass ich seit etwa 1990 überhaupt nicht mehr als Prädikant eingesetzt würde. Der notwendige Erfahrungsaustausch mit anderen Prädikanten könne deshalb als Begründung für die Teilnahme an Fortbildungsveranstaltungen für mich nicht herhalten.
“Falls Sie aber meinen, auf formale Einhaltung des § 10, wie Sie ihn interpretieren, bestehen zu müssen, gebe ich ohne Klagen meinen Dienstausweis als Prädikant zurück.” Auf seine Antwort sei ich gespannt.
Es kam aber keine Antwort. Deshalb habe ich am 18.04.2001 um Entlassung aus dem Dienst gebeten. Dieser Bitte wurde in einem vierzeiligen (!) Schreiben stattgegeben. Einen Gottesdienst zur Verabschiedung hat es nicht gegeben. Nach 25 Jahren ehrenamtlicher Tätigkeit!

 

Im Jahre 2006 habe ich einige meiner Predigten im Eigenverlag veröffentlicht. Daraus nebenstehend zwei Beispiele (Heiliger Abend und 1. Weihnachtstag).

Vorwort

Dieses Buch ist in mancher Hinsicht „alt“.
„Alt“ ist der Inhalt der Predigten. Es ist das Evangelium, wie es seit 2000 Jahren auf Erden verkündigt wird, das Evangelium von der Liebe Gottes zu allen Menschen.
„Alt“ ist auch das „Lutherdeutsch“ der Bibelstellen. Es ist der Text der Jubiläumsbibel von 1912. Diese Fassung zeichnet sich dadurch aus, daß sie die Sprache der Biblia Germanica von 1545 noch weitgehend beibehält, während die Revisionen von 1964 und 1984 sprachliche, stilistische und grammatikalische Besonderheiten der ursprünglichen Fassung „glätten“.
„Alt“ ist schließlich auch die Rechtschreibung, in der dieses Buch abgefaßt ist. Es ist die „alte“ Rechtschreibung, mit der ich aufgewachsen bin und in der ich als Lehrer für Deutsch bis zu meiner Pensionierung unterrichtet habe. An dieser alten Rechtschreibung möchte ich aus vielen Gründen festhalten.
„Alt“ heißt in den drei angeführten Bereichen aber nicht „veraltet“ wie ein „Gras, das doch bald welk wird, das da frühe blüht und bald welk wird und des Abends abgehauen wird und verdorrt.“ „Alt“ meint das von alten Zeiten her Vertraute, die Heimat, die erste Liebe, die Quelle der Zuversicht und Hoffnung.
Das gilt von der Muttersprache und ihrer Rechtschreibung, noch mehr aber vom Wort Gottes, das im Buchtitel bereits anklingt und in vollständiger Fassung lautet:
„Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, daß sie dich behüten auf allen deinen Wegen, daß sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“ (Ps 91,11f.)
Engel! Eine „alte“ Vorstellung, die aber immer noch zeitgemäß ist, auch in unserem naturwissenschaftlich bestimmten Weltbild.
Im Alten Testament gehören die Engel zum Hofstaat Gottes und tragen, obwohl sie eigentlich geschlechtslose Wesen sind, männliche Vornamen (Michael, Gabriel und Raphael). So war das eben in einer patriarchalisch bestimmten Gesellschaft.
Im Neuen Testament treten sie häufig zur Ankündigung besonderer Ereignisse auf, z. B. bei der Geburt Jesu, oder sie erklären das, was man nur schwer verstehen kann, z. B. die Auferstehung Jesu.
In der christlichen Kunst sind die Engel Ausdruck für die vielfältigen Wirkungen Gottes. Wenn wir von „Schutzengeln“ sprechen, so drückt sich darin der Glaube aus, daß unser Leben über das hinausreicht, was unserem Einfluß zugänglich ist.
Zu allen Zeiten des Christentums hatte der Engelglaube eine zentrale Bedeutung. Allerdings spielen hier wie so oft auch konfessionelle Unterschiede eine Rolle. Während die Verehrung von Engeln im Katholizismus und in der Orthodoxie immer positiv beurteilt wurde, standen die reformierten Kirchen dieser Form der Religiosität eher skeptisch bis ablehnend gegenüber. Anders die lutherischen Kirchen. Der Gedenktag des Erzengels Michael und aller Engel, gefeiert am 29. September, spielt zumindest in der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) eine große Rolle. So finden sich in ihrem Evangelisch-Lutherischen Kirchengesangbuch (ELKG) zahlreiche Engellieder, z. B. „Heut singt die liebe Christenheit“ nach dem lat. „Dicimus grates tibi“ Philipp Melanchthons 1539 von Nikolaus Hermann 1560.

Heut singt die liebe Christenheit
Gott Lob und Dank in Ewigkeit
für seine Engelscharen,
die uns in Angst, Not und Gefahr
auf viele Weisen wunderbar
behüten und bewahren.

Sie glänzen wie der Sonnenschein,
wie Feuerflammen hell und rein
als Gottes gute Geister.
Von überirdischer Natur
sind sie die schönste Kreatur,
und Christus ist ihr Meister.

Sie stehn vor Gottes Angesicht
und spiegeln seiner Hoheit Licht
als Helfer und Vertraute.
Sie singen dir, Allherrscher du,
ihr „Heilig, heilig, heilig!“ zu,
wie es Jesaja schaute.

Des Himmels Heer durch alle Welt
führt Michael, der starke Held,
zu Gottes Dienst und Ehren.
Die Engel streiten Tag und Nacht,
um Satans böse List und Macht
beizeiten abzuwehren.

Der alte Drache schlummert nicht.
Wie er in unser Leben bricht,
sinnt er zu jeder Stunde.
Er trachtet uns nach Hab und Gut,
nach Herz und Seele, Leib und Blut
und schlägt uns manche Wunde.

Er stiftet uns zur Zwietracht an,
verführt zu Unrecht jedermann,
zu Feindschaft, Mord und Kriegen,
zerrüttet Gottes Ordnung bald
und will die Erde mit Gewalt
zerstören und besiegen.

Wo ihm nicht wehrt der Engel Schar,
an Leib und Seele, Haut und Haar
blieb keiner mehr behütet.
Mit Feuer, Wasser, Wind und Schnee
bereitet er der Menschheit Weh,
das hart und grausam wütet.

Wir danken dir, Herr Jesu Christ,
daß du der Herr der Engel bist
und uns die Wächter sendest.
Erhalte uns in deiner Hut
und rette uns, Herr, durch dein Blut,
wenn du den Streit beendest.

Die meisten der hier vorgelegten 52 Predigten stammen aus meiner Zeit als Prädikant der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Fast alle sind auch schon Ende des vorigen Jahrhunderts veröffentlicht worden, einige in der Reihe „Der Haus- und Lesegottesdienst - Kasseler Lektoren-Predigt“, andere im Gütersloher Verlagshaus in der Reihe „Lesepredigten“, herausgegeben von Erhard Domay. Was über einen Zeitraum von 30 Jahren erschienen ist, soll hier noch einmal gesammelt herausgegeben werden.
Der rote Faden, der sich durch fast alle Predigten zieht, ist die Botschaft des Engels zur Weihnachtszeit:
„Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“ (Lk 2,10f.)

Ich hoffe, daß die hier vorgelegten Predigten mit dazu beitragen, die alte Botschaft von der Liebe Gottes zu allen Menschen lebendig zu erhalten.

Jürgen Schwarz

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